Bettagsanlass Pro Bözberg 2019

Festliches 40-Jahr-Jubiläum der Stiftung „Musica Española Schweiz“ zum Bettagsanlass Pro Bözberg 2019

Ein musikalisches Feuerwerk

Stiftungsgründerin Maria Luisa Cantos und Amri Alhambra brillierten in der Kirche Bözberg mit einem Konzert auf höchstem Niveau.

„Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann“, hat der französische Autor Victor Hugo einmal gesagt. Dass diese Feststellung den Nagel auf den Kopf trifft, wird einem bewusst, wenn man versucht, kompositorische Werke kommentierend in Worte zu fassen. Musik ist ein „Medium“, das auf Elementen wie Tonalität, Rhythmik, Dynamik, Gefühlen, aber auch auf dem Können der darbietenden Person(en) basiert. Man muss diese flüchtige Kunst unmittelbar erleben, sich ganz in sie hineinversetzen und innerlich mit ihr mitschwingen. Dazu kann auch das Einfühlen in das Wesen und die Lebensumstände des Komponisten gehören. Solche Gedanken gingen einem am Jubiläumsanlass auf dem Bözberg durch den Kopf.

Die auf dem Bözberg lebende Pianistin und Musikpädagogin Maria Luisa Cantos und Duopartner Amri Alhambra, Zürich, boten nach 2015 und 2017 bereits das dritte Konzert, das auf Einladung des Vereins Pro Bözberg stattfand. Und die Begeisterung des Publikums trug den beiden Interpreten einmal mehr höchste Anerkennung und entsprechend kräftigen Applaus ein. Zum Auftakt erklang die berühmte, an zwei Flügeln vorgetragene Sonate C-Dur KV 521 von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791). Nach diesem melodiös-virtuosen, 1787 entstandenen Werk war Maria Luisa Cantos solo zu hören. Vorab stand ein Sprung von mehr als zwei Jahrhunderten zu einer zeitgenössischen Tonschöpfung von Jean-François Zbinden auf dem Programm. Der 1917 geborene und auch heute im hohen Alter noch aktive Waadtländer Komponist und Musiker hat seine 2012 veröffentlichten „Blüthner-Variationen Opus 111“, nach der berühmten Grenchener Pianobaufirma benannt. Auf die acht abwechslungsreichen, zum Teil eruptiven Stücke, die auf der Jubiläums-CD von Maria Luisa Cantos enthalten sind, folgte nach der Pause mit den ebenfalls eingespielten Werken „Arabesque I“ von Claude Debussy (1862 bis 1918) und „Suite Brève en ut op. I“ von 1942 aus Zbindens reichhaltigem Oeuvre wieder etwas ruhigere Fahrwasser.

Dann aber brach wieder das Temperament durch, und nochmals bekam das Publikum, wie schon in den vorhergehenden Vorträgen, Musik zu hören, in der spanische Elemente eine wesentliche Rolle spielen. In Anwesenheit des eigens angereisten, in seiner Heimat und in den USA wirkenden Komponisten Salvador Brotons (* 1959) interpretierten Maria Luisa Cantos und Amri Alhambra in einer Uraufführung dessen neu für zwei Klaviere eingerichtete Bearbeitung der „Rapsodia Catalana“. Mit der Zugabe eines spanischen Tanzes von Moritz Moszkowsi (1854 bis 1925) kam das von Musikpublizistin Sibylle Ehrismann moderierte Konzert zu seinem melodiösen Abschluss.

Im Publikum befanden sich auch Konsul Faustino Diaz Fortuny, Direktor des Spanischen Fremdenverkehrsamtes in Zürich, Salvador Brotons Gattin Melissa sowie Carlos Borrell, Ehemann von Maria Luisa Cantos und Vizepräsident von Musica Espanola Schweiz. Vor dem bei prächtigem Wetter im Freien wartenden Apéro ehrte der zusammen mit dem Pro-Bözberg-Vorstand anwesende Präsident Otto H. Suhner die beiden Musiker für ihren beeindruckenden Einsatz.

 

Bericht: Max Weyermann, Brugg, den 16.9.2019  

 

Pianist Amri Alhambra, Melissa Brotons, Carlos Borrel, Pianistin Maria Luisa Cantos, Komponist Salvador Brotons, Faustino Diaz Fortuny (von links)

 

Die Pianistin Maria Luisa Cantos und Faustino Diaz Fortuny  mit dem Vorstand von Pro Bözberg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Medienmitteilung: Studienreise nach Frankreich bringt neue Erkenntnisse

Pro Bözberg                    

 

Atommüll-Endlager: Studienreise nach Frankreich bringt neue Erkenntnisse

Mitglieder des Vorstands von „Pro Bözberg“ rund 450 Meter unter der Erdoberfläche in einem Stollen des Felslabors Bure (Frankreich). Eine Stollenbau- und Felsmechanik-Expertin (mit weissem Helm) erläutert, wie sich der Vortrieb der Stollen nach den vorherrschenden Gebirgsspannungen zu orientieren hat, um eine möglichst uneingeschränkte Integrität des Tongesteins zu gewähren (Foto Pro Bözberg).

 

Der Bözberg (Kanton Aargau) ist einer von drei potenziellen Standorten, die von der Nagra für die „geologische“ Tiefenlagerung radioaktiver Abfälle in der Schweiz bestimmt wurden. Die Vereinsorganisation „Pro Bözberg“ setzt sich als kantonal einsprache- und beschwerdelegitimierte Körperschaft kompromisslos dafür ein, dass in allen Fragen der nuklearen Entsorgung ausschliesslich Kriterien der höchstmöglichen Sicherheit zur Anwendung gelangen.
Um die Zusammenhänge in diesem komplexen Sachgebiet in eigener Kompetenz beurteilen zu können, erachtet es der Vorstand von „Pro Bözberg“ als vordringliche Pflicht, sich nicht nur an Verlautbarungen der beteiligten Stellen zu orientieren sondern aktiv und unabhängig auch die Entwicklung der nuklearen Entsorgung im Ausland zu verfolgen sowie Experten vor Ort anzuhören.
Vor diesem Hintergrund hat eine 6-köpfige Delegation des Vorstands von „Pro Bözberg“ Ende Mai 2019 zwei für die nukleare Entsorgung in Frankreich zentrale Anlagen besucht: Das Felslabor bei Bure (Dépt. Meuse/Haute Marne) 450 m tief in einem Tongestein (vergleichbar dem Opalinuston der Nordschweiz) sowie das Lager Centre de l’Aube für schwach- und mittelaktive Abfälle. Die Teilnehmer haben die Reise in Eigenregie organisiert, vorbereitet und vollumfänglich bezahlt.

Die Studienreise brachte für die Teilnehmer folgende Haupterkenntnisse:

  • Die Einlagerungskonzepte der französischen und schweizerischen Entsorgungspflichtigen für hochradioaktive Abfälle (HAA) unterscheiden sich fundamental. So steht die Andra (= französische Schwesterorganisation der Nagra) kategorisch zum Primat einer technisch robust umsetzbaren, realitätsnah demonstrierbaren Rückholbarkeit der HAA. Dazu werden die Abfallbehälter in getrennten Kammern (frz. alvéoles) eingelagert. Die Nagra ihrerseits plant eine axiale Einlagerung der Behälter – hintereinander – in fast 1 km langen Stollen, was eine bergbautechnisch implementierbare Rückholung in der Praxis ausgesprochen anspruchsvoll erscheinen lässt.
  • Die Sicherheit der Oberflächenanlagen (Betrieb, Personal, Daten, Unfälle, Sabotage) erfordert grossen Aufwand rund um die Uhr; nachts ist das gesamte Areal taghell beleuchtet. Die Gewähr für Sicherheit muss auf die gesamte Betriebsdauer bis zum endgültigen Verschluss des Lagers ausgelegt sein. Vergleicht man die bereits bestehenden Anlagen in Frankreich (sogar noch ohne Tiefenlager!) mit geplanten Installationen der Schweiz (z.B. bei Villigen und Riniken), bestehen mehr als ernsthafte Zweifel, ob überhaupt ausreichend Platz (zwischen Wald und Dorf) für schlagkräftig schützbare Anlagen vorhanden ist.
  • Kurzlebige schwach- und mittelaktive Abfälle lagern in Frankreich einbetoniert in zwei überwachten Oberflächenanlagen: Centre de la Manche (Normandie) und Centre de l‘Aube (bei Troyes). Tiefenlager werden dafür nicht als zweckdienlich erachtet.

Die Teilnehmer der Studienreise sind der Auffassung, dass ein verstärkter Dialog der schweizerischen Entsorgungspflichtigen mit ihren französischen Kollegen auf der technisch-wissenschaftlichen Ebene gefördert, wenn nicht gar von den zuständigen Bundesbehörden (BFE, Ensi) gefordert werden sollte. Denn wie dieser Augenschein in Frankreich gezeigt hat, besteht bereits auf der konzeptionellen Ebene seitens der Schweizer Tiefenlagerplanung ein erheblicher Erklärungsbedarf.

Pro Bözberg wird die Erkenntnisse der Studienreise auf seiner Homepage (www.proboezberg.ch), an der Mitgliederversammlung, in Pressemitteilungen, Blogs sowie gegebenenfalls in Korrespondenz mit den zuständigen Stellen in die Diskussion einbringen.

 

Für Rückfragen: info@proboezberg.ch

 

Der Vorstand

 

https://www.aargauerzeitung.ch/aargau/brugg/hinter-dem-atommuell-endlager-steht-ein-dickes-fragezeichen-135618034

https://www.fricktal.info/regionen/regional/152564-pro-boezberg-atommuell-endlager-studienreise-nach-frankreich-bringt-neue-erkenntnisse.html

 

Atommüll Endlager: Studienreise nach Frankreich bringt neue Erkenntnisse

Eine Delegation des Vorstandes hat Ende Mai 2019 in Frankreich zwei Anlagen zur Lagerung der atomaren Abfälle besucht. Unser westliches Nachbarland bringt dieses Problem einer möglichen Lösung schon viel näher als die Schweiz und ist offensichtlich gewillt, die Sache ernsthaft anzugehen. Wieso die konkreten Erfahrungen der Franzosen weder für die Nagra noch für die zuständigen Bundesbehörden in der gegenwärtigen Diskussion um ein Endlager unter dem Bözberg keine Rolle spielen, ist unverständlich.

Gruppenbild der Delegation im Versuchslabor der Andra (Agence nationale pour la gestion des déchets radioactifs) rund 450 Meter unter der Erdoberfläche in einem Stollen des Felslabors Bure (Frankreich, Dépt. Meuse/Haute-Marne). 

 

Pro Bözberg hat die Reise nach Bure (an der Grenze zwischen den Departementen Meuse und Haute Marne) und Centre de l‘Aube (Departement Aube) selber organisiert, bezahlt und ausgewertet. Frankreich ist die drittgrösste Atommacht der Welt, produziert in 58 Atomkraftwerken mit 75 Prozent den höchsten Anteil am eigenen Strom (Schweiz: 5 Atomkraftwerke, 25 Prozent Anteil) und betreibt in La Hague (Normandie) eine Wiederaufbereitungsanlage für abgebrannten Kernbrennstoff. Es gibt keine Absichten für einen Ausstieg aus der Atomkraft-Nutzung. Die sichere Lagerung der Abfälle und namentlich die technisch implementierte Rückholbarkeit (v.a. für die spätere Wiederverwendung der hochaktiven Abfälle) haben in Frankreich deshalb eine ganz andere Bedeutung als in der Schweiz: Frankreich will eine reversible Lösung, weil die Nutzung weitergeht. Die Schweiz muss ihre angehäuften atomaren Abfälle noch lagern und entsorgen, wenn die Atomkraftwerke längst abgestellt sein werden. Dennoch ist unser Land per Kernenergiegesetz verpflichtet, die radioaktiven Abfälle rückholbar zu lagern. Diesbezüglich und insbesondere konzeptuell bedarf es aber akuter Nachhilfe: ein Augenschein in Frankreich genügt.

 

Tiefenlager für hochaktive Abfälle bei Bure (Projekt Cigéo = Centre industriel de stockage géologique)

Räumliche Situation der projektierten Anlagen für das Tiefenlager für hochradioaktive und langlebige Atomabfälle

 Laboratoire souterrain: Seit 25 Jahren betreibt die Andra an diesem Standort ein Tiefen-Felslabor.

Espace technologique: Neues Informationszentrum im Bereich der vorgesehenen Oberflächenanlagen (Zone de réception).

Ecothèque: Einrichtungen für die Überwachung von Umwelt und Landschaft (Oberfläche) auf total 900 km2.

Zone de réception: Einrichtungen für Anlieferung (Zug), Abfertigung und Transport ins Tiefenlager (Standseilbahn). Fläche ca. 300 ha.

Zone de travaux et de creusement : Oberflächenanlagen über dem künftigen Tiefenlager. Fläche ca. 300 ha. Die Distanz zwischen Bure und Bonnet beträgt etwa 6 km.

Empfang mit Schweizer Flagge in Bure (F). Eingang zum Espace technologique.

Der Empfang beim Laboratoire souterrain (Tiefen-Felslabor) der Andra ist freundlich, der Eingangsbereich aber stark gesichert.

 

 

 

 

 

Jede nukleare Abfallkategorie (hochaktiv, langlebig-mittelaktiv) wird in „massgeschneiderten“ Lagerbehältern konditioniert.

 

 

 

 

 

In Bure, 225 km Luftlinie nordwestlich vom Bözberg entfernt, sind die Arbeiten im Bereich des Tiefenlagers für Frankreichs hochaktive und langlebige mittelaktive atomare Abfälle weit fortgeschritten: Seit 25 Jahren betreibt die Andra (Agence nationale pour la gestion des déchts radioactifs, also das französische Pendant zur Nagra) in einer Tongesteinsschicht des tektonisch stabilen Pariser Beckens, 450 m unter der Oberfläche, das Versuchslabor.

Das Stollensystem des Versuchslabors ist weitläufig in einer Tonsteinschicht aus der Jurazeit („Callovo-Oxfordien“) ausgelegt. Diese Gesteinsformation gilt aufgrund ihrer Eigenschaften (Sorptions- und Abdichtungsvermögen, Mächtigkeit) als präferenzielle Option für die Einlagerung der hochradioaktiven Abfälle. Das Labor dient der fortlaufenden Charakterisierung des „Wirtgesteins“ vor Ort, insbesondere seines bergbautechnischen Verhaltens sowie dem Testbetrieb der Einlagerung im Massstab 1:1. Dabei steht die erleichterte Rückholbarkeit methodisch im Vordergrund. Das Labor wird im Sinne einer projektbegleitenden Versuchs- und Optimierungsanlage auch während des Bau- und Einlagerungsbetriebs im benachbarten Tiefenlager in Betrieb bleiben.

Mitglieder des Vorstands von „Pro Bözberg“ 450 Meter unter der Erdoberfläche in einem Stollen des Felslabors Bure (F). Eine Stollenbau- und Felsmechanik-Expertin (mit weissem Helm) erläutert, wie sich der Vortrieb der Stollen nach den vorherrschenden Gebirgsspannungen zu orientieren hat, um eine möglichst uneingeschränkte Integrität des Tongesteins zu gewähren. Solche konkreten Erkenntnisse lassen sich nur vor Ort im unter enormer Spannung stehenden Gebirge gewinnen.

 

 

 

Die geologischen Gegebenheiten im Nordostbereich des tektonisch ruhigen Pariser Beckens bieten wesentliche Standortvorteile: geringe Erdbebenwahrscheinlichkeit, keine aktive Gebirgsbildung, keine Tiefenerosion durch eiszeitliche Gletschervorstösse, keine Nutzungskonflikte mit Rohstoffen in der Tiefe (Geothermie ausgenommen).

Trotzdem stehen die Gesteine infolge ihres eigenen, mit der Tiefe zunehmenden Gewichts (Lithostasie) im Wortsinn unter hohem Druck. Die dadurch im Lagergestein erzeugten Gebirgsspannungen müssen daher hinsichtlich Stollenbau und Einlagerung nicht nur verstanden sondern bergbautechnisch berücksichtigt werden. Daher wird der minutiösen Erfassung des geotechnischen Spannungsfeldes hohe Priorität beigemessen. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen sind unabdingbare Grundlagen für die Auslegung der Stollengeometrie und der erforderlichen Sicherungen für den Ausbau.

Die Expertin für Geomechanik und Bergbau erläutert das Stollensystem der vorgesehenen französischen Tiefenlager-Auslegung und wie sich Vortrieb und Ausbau der Stollen nach den vorherrschenden Gebirgsspannungen zu orientieren hat. Denn die Langzeitsicherheit eines atomaren Tiefenlagers erfordert dauerhaftes Einschlussvermögen, also auch eine möglichst uneingeschränkte Integrität des Lagergesteins. Von einem befestigten, d.h. mit Beton-Tübbingen ausgekleideten, Hauptstollen aus (Bild links) werden im rechten Winkel zur Stollenachse seitlich in regelmässigen Abständen horizontale Stummel-Bohrungen (frz. alvéoles) von einigen Dekametern Länge in das Gestein vorgetrieben (oberes Bild rechts). Während des Bohrens wird kontinuierlich ein Stahlrohr in das Bohrloch eingeschoben; es dient der Stabilisierung des Bohrlochs und der nachfolgenden Aufnahme der Abfallbehälter.

Der Besuch des Stollensystems zeigte eindrücklich: Die konkreten Fragen zu Bohrtechniken, Geologie, Veränderungen durch Luftzufuhr (Austrocknung des Gesteins), Druckentlastungen und Umlagerungen der Gebirgspannung infolge Stollenausbruch, Sicherheit der Arbeiten, technische Lösungen für Behälter, Einlagerung, Überwachung können bzw. müssen letztlich zwingend vor Ort, unter Tage abgeklärt werden, selbst wenn dies mit sehr grossem Aufwand einhergeht.

Die ausgesprochen offenen (und selbstkritischen) Erläuterungen der begleitenden Experten anlässlich der Orientierung in den Stollen der Forschungsanlage beeindruckten die Teilnehmer. Frankreich ist offenkundig auf dem Weg einer machbaren, den Anforderungen an Sicherheit und Reversibilität genügende Lagerung so weit fortgeschritten, dass in unmittelbarer Nähe des Versuchslabors (das weiterhin in Betrieb bleibt) je eine Fläche für die Umlade- und Zulieferungsanlagen (mit Bahnanschluss und Seilbahn ins Tiefenlager) sowie für die umfangreichen Oberflächenanlagen (mit je gegen 300 ha Fläche) rechtlich ausgeschieden, gesichert und vorbereitet sind. Die Entscheidung über den Start der Einlagerung fällt der Staatspräsident nach einer Anhörung im französischen Parlament. Die Kosten von geschätzten 25 bis 40 Milliarden Euro übernehmen die Verursacher (Nutzer).

Sicherheit:

 

Alle Anlagen sind von Zäunen teilweise doppelt umgeben und stehen rund um die Uhr im Blickwinkel der Überwachungsanlagen und patrouillierender Mannschaften der Sicherheitsdienste.

Auch alle Nebenanlagen, einschliesslich Informaionspavillons sind eingezäunt und erfordern dementsprechend viel Unterhalt. Demonstrationen und Terrain-Besetzungen sind wegen der Abgelegenheit selten. Plakate und Schmierereien zeugen jedoch von latent schwelendem Oppositions-Potenzial.

 

Umgebung:

Aus der nur mässig hügeligen Landschaft ragt das Gebäude der Schacht-Förderanlage markant in die Höhe

Alle Anlagen befinden sich ausserhalb bewohnter Gemeinwesen in freier Landschaft. Die Besiedelung ist dünn, die Bevölkerungszahlen tendenziell sinkend.

 

 

Oberflächenlager für schwach- und mittelaktive Abfälle Centre de l’Aube

Nachdem das Lager „Centre de la Manche“ (bei La Hague, Normandie) zu Beginn der 1990er Jahre die Kapazitätsgrenze erreicht hatte, wurden etwa 45 km ostnordöstlich von Troyes im Centre de l‘Aube zwei weitere Lager für schwach- und mittelaktive Abfälle eingerichtet; sie sind bereits seit 1992 in Betrieb. Die angelieferten, in der Regel bereits lagergerecht konditionierten Abfallgebinde werden in kubischen Betonbauwerken systematisch eingelagert. Wenn das Volumen voll ausgenutzt ist, wird der Kubus mit Flüssigbeton vergossen, verschlossen und mit einer Kunstharzschicht überzogen zum Abdichten. Eine Überwachung erfolgt über ein Langzeit-Monitoring des unterirdischen Drainagesystems. Wenn alle Betongehäuse befüllt und verschlossen sind, in ca. 50 Jahren, wird das ganze Areal mit Erdreich überdeckt und bewaldet. Die Radioaktivität soll in spätestens 300 Jahren soweit abgeklungen sein, dass für die Umwelt keine Bedenken mehr bestehen. So lange müssen aber die Anlagen sicherheitsmässig bewacht und ihre allfälligen radiologischen Auswirkungen überwacht werden.

Eingang, Umgebung und inneres Areal des Lagers 

 

 

Fazit

 

Für Pro Bözberg ergeben sich aus der Reise sowie nach dem Studium der Unterlagen und im Vergleich zum Bözberg folgende Erkenntnisse bezüglich der Entsorgung der hochaktiven Abfälle in Frankreich.

 

Umgebung der Anlagen an der Erdoberfläche

In der Landschaft beeindruckten bei allen Anlagen Weite und „Menschenleere“. Die Besiedlungsdichte ist weit über 10 Mal geringer als rund um den Bözberg. Und die Bevölkerung auf dem Land nimmt weiter ab. Alle Anlagen sind mit Zäunen, Überwachungssystemen und Personal massiv gesichert. Sie sind flächenmässig sehr grosszügig ausgelegt (Sicherheit) und grenzen nirgends an Ortschaften oder Infrastrukturanlagen.

 

Geologische Aspekte

Die seismische Stabilität (Erdbeben) des Standorts im Bereich des tektonisch ruhigen Pariser Beckens ist augenfällig, aktive Gebirgsgürtel (Alpen, Jura) sind ausser Reichweite. Daher sind auch Fragen der Langzeiterosion, insbesondere der Tiefenschurf durch eiszeitliche Gletschervorstösse unerheblich. Und mit Ausnahme des allgegenwärtigen Geothermie-Potenzials sind keine Nutzungskonflikte mit mineralischen Rohstoffen absehbar. Die Eigenschaften des designierten Lagergesteins (ein Tonsteinsediment aus der Jura-Zeit) überzeugen bezüglich Mächtigkeit (bis 140m), räumlich weitreichender Homogenität und lateraler, erkundungstechnischer Prognostizierbarkeit (mit Reflexionsseismik).

 

Bautechnik und Einlagerungskonzept

Das Felslabor Bure an sich kann als bergbautechnische Anlage prinzipiell bereits als 1:1 Demonstration der technischen Machbarkeit des geplanten Tiefenlager-Bauwerks im vorgesehenen Tongestein bezeichnet werden, freilich noch nicht in der erforderlichen Ausdehnung und noch ohne den 5 km langen Zugang über einen Schrägstollen mit Seilbahn.

Von zentraler Bedeutung ist das Einlagerungskonzept für die hochaktiven Abfälle. Vorgesehen und in aktueller Erprobung ist eine Auslegung mit ausgebautem Tunnel (Hauptzugang) und seitlichen Stummelstollen (frz. alvéoles) in regelmässigen Abständen für die Aufnahme der strahlenden Abfallbehälter; das Stollensystem erinnert in seiner Anlage an die Bohrgänge des „Buchdrucker-Borkenkäfers“ in den von ihm befallenen Bäumen.

Diese Auslegung ist auch für eine auf dem Niveau industrieller Reife effizient und strahlengeschützt umsetzbare Rückholung des Abfallguts fundamental. Denn die Behälter mit der hochradioaktiven Fracht verbleiben bereits während ihrer unterirdischen Verfrachtung bis hin zur Einmündung in die seitlichen Stummelstollen in den gepanzerten Transportgefährten, welche das Personal vor Strahlenbelastung abschirmen. Dies gilt aber auch reziprok im Bedarfsfall für die Rückholung der Behälter, als unabdingbare Voraussetzung einer glaubwürdigen Reversibilität der Lagerung.

Im höchsten Masse vertrauensbildend erweist sich in diesem Kontext die vorzeigbare und einleuchtende Erprobung der Handlungsabläufe bis hin zum Routinevorgang. Grundsätzlich ist das Publikum jederzeit willkommen, soweit dies im Rahmen der strengen Sicherheitsvorgaben einer Schacht- und Stollenanlage in mehreren hundert Metern Tiefe zugelassen werden kann.

Denn allein schon das Forschen und Erproben in diesen Tiefen und im Massstab 1:1 ist sicherheitstechnisch anspruchsvoll. Die Anzahl Personen, die sich gleichzeitig im Stollensystem aufhalten können ist streng begrenzt durch die Rettungsmöglichkeiten, insbesondere in den Schachtanlagen. Auch diese Erfahrungen sind hinsichtlich einer späteren Betriebs- und Einlagerungsphase wesentliche Grundlagen des zu erarbeitenden umfassenden Sicherheitskonzepts.

 

Schlussbetrachtungen

 

Frankreich ist mit dem Felslabor der Andra in Bure sowie dem konzeptuell wohl durchdachten Projekt Cigéo zielgerichtet auf dem Weg einer Lager-Realisierung, welche sich auf solide Erprobung von in absehbarer Zeit industriell reifen Abläufen stützen kann.

Davon ist die Nagra mit ihrem Konzept der hintereinander eingelagerten Behälter in bis fast einen Kilometer langen, nur knapp 3m engen Stollen noch um Welten entfernt. Warum klammert sie sich an dieses technisch kaum umsetzbare Konstrukt? Man stelle sich nur einmal vor, mit welchem Aufwand und unter welcher Strahlenbelastung die Rückholung der Behälter verbunden sein würde. In Frankreich hätte dieses Konzept jedenfalls nicht den Hauch einer Chance für die Betriebsgenehmigung. So oder so darf man gespannt sein auf eine Demonstration der Nagra, wie schon der Einlagerungsvorgang, geschweige denn die reibungslose Rückholung, im Massstab 1:1 unter strikter Einhaltung der Strahlenschutz-Vorgaben vor sich gehen soll …

 

Soweit zu den Aspekten, welche sich auf den geologischen Untergrund beziehen. Doch wie sieht es bezüglich der Oberflächen-Infrastruktur aus?

Die Sicherheit dieser Anlagen (Betrieb, Personal, Sabotage, Datensicherung, Unfälle, Bewachung) erfordert sowohl eine Grosszügigkeit der Anlagen (Fläche, Erschliessung mit Bahn, bauliche Ausstattung einer Atomanlage für das Öffnen und Umpacken der Lagerbehälter aus Zwischenlagern) und eine Isoliertheit (freie Fläche rundherum). Die Sicherheit muss sowohl auf Unfälle als auch auf Terror und Kleinkriege während der Dauer bis zum endgültigen Verschluss des Tiefenlagers ausgelegt sein. Wenn man die Anlagen in Frankreich mit den geplanten Anlagen bei Villigen und Riniken vergleicht, bestehen mehr als ernsthafte Zweifel, ob überhaupt genügend Platz (quasi zwischen Wald und Dorf) für sichere und verteidigbare Anlagen bei Unfällen, Terror und Kleinkrieg vorhanden sind. Der Aargau will bevölkerungsmässig weiter wachsen. Die Risiken und die Anzahl der betroffenen Personen bei Evakuierungen nehmen zu. Frankreich zeigt: Alle ausserhalb der von Wachmannschaften gesicherten Zäune liegenden Gebäude und Einrichtungen sind bei Angriffen gefährdet. Wer entscheidet in der Schweiz im Konfliktfall über Massnahmen und wer setzt diese (gegen die Bevölkerung) durch? Der Bundesrat mit der Armee? So wie Nagra und Bundesbehörden über „Sicherheit“ kommunizieren, betrachten sie nur die politisch-gesellschaftlich labile Schönwetterlage der Gegenwart.

Und die radiologischen Risiken für die Bevölkerung? In Frankreich wird ein umfassendes Umweltmonitoring auf einer Fläche von 900 km2 eingerichtet. Umweltüberwachung und Beweissicherung, dass an der Oberfläche durch das Tiefenlager keine Veränderungen/Belastungen feststellbar sind. Wie soll rund um den Bözberg überwacht und festgestellt werden? So etwas ist in der dicht besiedelten, genutzten und übernutzten Landschaft im nördlichen Aargau gar nicht möglich.

Abschliessend ein Gedanke zur personellen und v.a. finanziellen Absicherung der über ein Jahrhundert erforderlichen Überwachungs-Aktivitäten: Frankreich produziert ungleich grössere Abfallmengen und denkt offenbar noch lange nicht über einen „Ausstieg“ aus der Kernenergie-Anwendung nach. Daraus ergibt sich faktisch eine voraussichtlich viel längere „Nutzungsdauer“ mit weitergehender Finanzierung und stabilen Beständen an Fachpersonal. Es stellt sich die Frage: Ist die Schweiz überhaupt in der Lage, über die von der Nagra vorgesehene Zeit des Lagerbetriebs (rund 100 Jahre bis zum Verschluss, angeblich von 2060 bis 2160), die notwendige Sicherung der Oberflächenanlagen und die nachfolgende Überwachung überhaupt zu „stemmen“. Die Atomkraftwerke sind dann mutmasslich längst abgestellt, die Karrieren der „Atommüllhüter“ wenig attraktiv, die Fallzahlen klein und der Aufwand an Infrastruktur für die „Kleinmengen“ unverhältnismässig hoch. Solche Überlegungen führen beispielsweise bei Spitälern über kurz oder lang zu Schliessungen.

Bericht: André Lambert und Heiner Keller, Fotos: Heiner Keller, Redaktion: Theo Sonderegger

 

Links zum Blog „nuclear waste“:

In deutscher Sprache:

https://www.nuclearwaste.info/glaubwuerdig-frankreich-setzt-auf-die-rueckholbarkeit-seiner-hochaktiven-abfaelle-eine-studienreise-ins-felslabor-der-andra-in-bure-dept-meuse-haute-marne/

 

In englischer Sprache:

https://www.nuclearwaste.info/france-pioneering-in-credible-reversibility-of-high-level-waste-a-trip-to-the-andra-rock-laboratory-in-bure-dept-meuse-haute-marne/

Bericht über Referat von Prof. Wildi mit Folien

Professor Wildi berichtet der Versammlung, dass die Standortsuche für die Lagerung von radioaktiven Abfällen in der Schweiz vor rund 70 Jahren begann, 1949. Er erinnere sich als damaliger Student an Sondierbohrungen im Winter 1969/1970 im Aargau für schwach radioaktive Abfälle. Nach damaligem Fahrplan sei geplant gewesen, das Endlager 1990 zu eröffnen. Heute sei er der Überzeugung, dass er die Eröffnung des Endlagers nicht mehr erleben werde. Prinzipiell sei man heute im Jahr 2019 gleich weit wie damals in den frühen 1980er Jahren. Damals hätten schon Probebohrungen  in Riniken und Schafisheim stattgefunden.

Weltweit belaufe sich der hoch radioaktive Abfall auf rund 12‘000 Tonnen nach aktuellen statistischen Erkenntnissen. In der Schweiz würde der seit Aufnahme des Betriebs aller Kernkraftwerke (KKW) insgesamt entstandene (hoch-, mittel- und schwachaktive) Abfall ungefähr die Bahnhofhalle des Hauptbahnhofs Zürich mit ca. 100’000 Kubikmeter füllen. Dieses entspreche rund 0,5 % der weltweiten Produktion der Abfälle aus der „friedlichen“ Nutzung von Atomenergie durch die Schweizer KKWs.

 Relevant sei aber nicht die Quantität der Abfälle, sondern deren Toxizität. Weltweit habe man sich auf eine einheitliche Strategie des Umgangs mit dem Abfall, wie sich herauskristallisiert, geeinigt: Die geologische Endlagerung. Dieses sei die offizielle Version.

 Was man hingegen wirklich mache, sei Zwischenlagerung. Dieses sei auch in der Schweiz der status quo. Es sei unbekannt, wie  lange dieser Zustand dauern werde.

Es bestehe ansatzweise eine Alternativstrategie: Die Transmutation von hochaktiven Abfällen. Die Umwandlung von Atommüll zu dessen Entschärfung. Momentan werde das nicht aktiv weiter verfolgt.

Es bestehe weiter ein internationaler Konsens, dass jedes Land seinen eigenen Atomabfall zu entsorgen habe. Derzeit bestehe ein einziges geologisches Endlager weltweit: in Finnland; es habe jedoch noch keine Betriebsbewilligung. Es biete Platz für den Abfall von 5 finnischen KKWs. Diese Menge sei vergleichbar mit derjenigen der Schweiz. Das Problem dabei sei, dass die Schwedische Justiz die  Kupfer-Ummantelung der Abfallbehälter  bis auf weiteres ausgesetzt habe. Grund dafür seien gravierende materialtechnische Fragen; diese „Lösung“ sei daher derzeit blockiert. Deswegen gehe es auch in Schweden nicht vorwärts. Ein weiteres Problem sowohl in Schweden wie in Finnland sei, dass das geologische Endlager in zerklüftetem und daher wasserdurchlässigem Granit liege. Frankreich habe ein eher aussichtsreiches laufendes Verfahren für ein Endlager in Bure (Dept. Haute-Marne); hier besteht das Wirtgestein, so wie im schweizerischen Referenzkonzept, aus einem geringdurchlässigen Tongestein. Die USA müssten nach Rückschlägen wieder praktisch von vorne beginnen. In Deutschland sei es genauso.

Die Schweizer Behörden planten die Fertigstellung des Endlagers für das Jahr 2050 (schwach- und mittelaktive Abfälle (SMA) sowie 2060 für die hochaktiven Abfälle (HAA). Der Termin verschiebe sich allerdings stets kontinuierlich weiter in die Zukunft.

 Die Schweizer Lösung sehe Endlager in einer Tiefe von rund 500 m – 900 m vor. Das Wirtgestein sei die Formation des Opalinustons. Eine Maxime des Konzepts in der Gestaltung des Tiefenlagers sei die Möglichkeit, dass künftige Generationen die eingelagerten Abfallbehälter weiter überwachen und gegebenenfalls wieder zurückholen könnten.Die konkrete Ausgestaltung der Lagerung von HAA nach dem aktuellen Schweizer Konzept entspreche allerdings in etwa dem bald 50-jährigen schwedischen Konzept aus den 1970er-Jahren. Man wolle die verbrauchten Brennstäbe in Behälter aus Stahl-Zylindern in Stollen einlagern, die vorgängig aus dem Ton des Wirtgesteins herausgefräst worden wären. Allmählich  würde sich der Ton infolge der Bergfeuchte aufblähen (quellen) und dadurch die zylindrischen Behälter in den Stollen dicht versiegeln, so dass auch dort kein Wasser reinkomme. Problematisch sei der Umstand, dass Ton plastisch werde beim Kontakt mit Wasser. An sich sei Ton wegen seiner selbstabdichtenden Eigenschaften ein sehr geeignetes Material. Diese Plastizität bei Wasserkontakt erschwere aber die Erstellung von begehbaren Stollen durch Maschinen und Menschen. Würden diese Stollen zu gross ausgestaltet, fielen sie früher oder später in sich zusammen durch den Kontakt mit Grundwasser. Für dieses Problem bestehe noch keine robuste Lösung.

 

Abgesehen davon handle es sich um ein grundsätzlich „charmantes“ Konzept. Das Problem sei, dass es schwer umsetzbar sei. Die sich aus technisch-wissenschaftlicher Sicht stellenden Probleme würden weder seriös wahrgenommen noch gründlich angegangen. Das Ausmass der Langzeit-Korrosion der Stahlzylinder sowie das Verhalten der Bentonit-Verfüllung seien zu wenig untersucht.

Es fehle sowohl bei den Entsorgungspflichtigen (Nagra) als auch bei den Behörden (Ensi, BfE) der Wille, die offenen Fragen aus technisch-wissenschaftlicher Sicht überzeugend zu untersuchen und auf Langzeiteignung zu testen. Es bestehe quasi eine technische Blockade. Es gebe weder Fortschritte noch Verbesserungen. Dazu gesellen sich gravierende Defizite  bei der Organisation des ganzen Projekts im Sachplanverfahren.

 Das derzeit vom Bundesamt für Energie schwach geführte  Sachplanverfahren räume der  Sicherheit und den Risiken wenig Priorität ein. Es sei in erster Linie ein politischer Prozess. Dieser politische Prozess könnte letztlich ablenken von der möglichen Nicht-Eignung eines gewählten Standortes gemäss den wissenschaftlichen Kriterien. Politische Machbarkeiten könnten höher gewichtet werden als wissenschaftliche Sicherheitsüberlegungen.

Der Standort Bözberg weise zahlreiche mögliche Nutzungskonflikte im Gesteinsuntergrund auf. Frühere Bohrungen zeigten, dass ein hohes Potenzial an Kohle, Gas und vielleicht sogar Öl vorhanden sei. Eine spätere Ausbeutung dieser Ressourcen durch künftige Generationen könnte zu einem Absenken von Bodenschichten, ggf. zum ungewollten Durchbohren endgelagerter Substanzen führen. Bund und Nagra sehen die „Lösung“ dieses Konflikts in einem rechtlichen Verbot der Ausbeutung. Doch das Lager mit hochaktiven Abfällen habe einen zeitlichen Horizont von mehreren zehntausend Jahren. Es könne realistischerweise aus rechtlicher Sicht nicht über einen solchen Zeitraum und über zahlreiche Generationen  sichergestellt werden, dass eine solche  Regelung fortbestehe und ggf. auch rigoros durchgesetzt würde. Verbote könnten auch wieder aufgehoben – oder ganz einfach „vergessen“ werden. Daher sei der Bözberg als HAA-Standort ungeeignet. Auch sei eine Interferenz möglich mit Transportwegen und mit der Zementindustrie  (Abbauvorhaben in Steinbrüchen). Dieses sei auf dem Bözberg durchaus  realistisch.

 Zudem bestünden  geologische Strukturen mit tektonisch gestörten Zonen. Allein aufgrund dieser Tatsache sei die Langzeit-Sicherheit des Standorts Bözberg fraglich.

Die Finanzierung des Endlagers und der Weg dorthin sei  im Jahr 1983 auf  rund zwei Milliarden Schweizer Franken geschätzt worden. Im Jahr 2019 sei man inzwischen bei 25 Milliarden Schweizer Franken angekommen. Die Schätzung sei linear gestiegen mit jedem weiteren Arbeitsschritt und mit immer neu hinzugekommenen Erkenntnissen über Problemstellungen und deren Auswirkungen auf die Gesamtkosten. 2020 beginne der Rückbau des KKW Mühleberg. Daraus könnten weitere Hinweise auf zusätzliche Kosten entstehen. Es könnte noch viel, viel teurer werden.

 1969 wurde das erste KKW in der Schweiz ans Netz genommen und das letzte 1983. Seit ca. 80 Jahren werde in der Schweiz die Atomkraft genutzt. Die Hälfte der aktuell geschätzten Endkosten von rund 25 Milliarden Schweizer Franken sei momentan gedeckt (Entsorgungsfonds). Der Rest sei noch nicht angespart worden.

 Ereignete sich ein grosser Unfall in nächster Zeit in Europa, müsste mit einer sofortigen Stilllegung aller KKWs in der Schweiz gerechnet werden. Dann entfiele weiterer Gewinn und folglich  weitere Ersparnis für die restlichen 12,5 Milliarden Schweizer Franken. Diese müssten dann durch die öffentliche Hand finanziert werden.

 

Ethisch betont zwar die aktuelle Planungsorganisation, Sicherheit für Mensch und Umwelt zuoberst auf die Agenda zu schreiben. Handlungsziel sei, das Problem so zu lösen, dass künftige Generationen, falls diese eine Lösung für die Abfallproblematik fänden, das Endlager wieder „rückholen“ könnten. Auch werde mit der Lösung durch unsere Generation das Verursacherprinzip bestmöglich umgesetzt.

 Die Realität zeigt jedoch, dass dieses Verursacherprinzip derzeit ohnehin nicht eingehalten werde und auch nicht mehr eingehalten werden könne. Man habe sich das „Ei bereits gelegt“ für die bestehende und künftige Generationen. Die Finanzierung sei nicht sichergestellt. Eigentlich sei das völlig inakzeptabel. Man lebe derzeit in einer kollektiven Mitschuld, ähnlich wie beim Klima. Wir seien diesbezüglich eine verantwortungslose Generation.

Politisch sei die Stimmung bezüglich der Endlager stark schwankend und abhängig von äusseren Faktoren. Ereignisse wie in Fukushima würden viel Dampf in den Kessel bringen. Nach einem solchen Ereignis sei dann der Dampf bald wieder weg. Betreiberfirmen der KKWs wie die Alpiq und die Axpo gehörten zwischenzeitlich praktisch vollständig der öffentlichen Hand. Betreiber der KKWs seien eigentlich die Kantone.

 Das Interesse in der Bevölkerung hinsichtlich der Endlager-Standortwahl habe abgenommen. Der Druck sei weg. Es bestehe eine unklare Zukunft. Vielleicht fänden wir gar keine Lösung mehr in diesem Jahrhundert. Die letzten 50 Jahre Arbeiten auf diesem Thema hätten eigentlich zu praktisch nichts geführt. Man habe nichts erreicht. Das Thema habe zudem an Aktualität eingebüsst auf der politischen Agenda. Erschwerend komme hinzu, dass auch die aktuelle Stossrichtung aus wissenschaftlicher Sicht fraglich sei. Die derzeit geplanten Sondierbohrungen bringen aus seiner Sicht wenig Neues, insbesondere bezüglich der drängenden Fragen zu den akuten Nutzungskonflikten im tiefen Untergrund. Es werde absichtlich nicht tief genug gebohrt. Das Projekt in Frankreich sei erfolgsversprechender: Überzeugendes Einlagerungskonzept, keine Nutzungskonflikte mit Kohlenwasserstoff-Ressourcen im Untergrund, tektonische Stabilität (Erdbeben) etc.

Das Referat wird mit grossem Applaus durch die Versammlung verdankt. Der Präsident bittet um Erläuterungen zur Folie mit dem Profil zum Querschnitt der Gesteinsschichten im Kanton Aargau vom Rhein bis zum Hallwiler-See. Prof. Wildi nimmt detailliertere Erläuterungen vor. Er gibt auch zu bedenken, dass die Bohrtechnik in den letzten Jahren starke Fortschritte gemacht habe und mit einer Tiefe von 500 m – 900 m selbst das Risiko von terroristischen Motiven nicht ausgeschlossen werden könne. Mit aktueller Bohrtechnik könne man in rund einer Woche bis auf diese Tiefe vordringen.

Vorstandsmitglied Theo Sonderegger bittet um weitere Erläuterungen zum internationalen Ansatz. Prof. Wildi betont, dass die USA ursprünglich den „Lead“ hatten. Allerdings zeichnete sich dann eine Art Konsens ab, dass jedes Land eigenverantwortlich den eigenen Atommüll beseitigen solle. Aus wissenschaftlicher Sicht sei dieses Verhalten unvernünftig, weil der global bestgeeignete Standort gefunden werden sollte. Die Suche sollte nicht in einzelnen Ländern nach politischen Zuteilungen der Territorialität stattfinden. Die Wahl nach dem sichersten und dem bestgeeigneten Standort sollte aus wissenschaftlicher Sicht weltweit ohne Einschränkung von Landesgrenzen stattfinden. Es sei insbesondere rücksichtlich der kriegerischen Veränderungen von Territorien und Ländern in den letzten tausend Jahren fragwürdig, ob das aktuell verfolgte Konzept der Eigenverantwortung der einzelnen Länder über tausend Jahre hinweg eine sinnvolle Lösung sei.

Ein namentlich nicht bekannter Herr aus dem Publikum erkundigt sich, ob die Förderung von Kohle realistischerweise wieder aktuell werden könnte. Prof. Wildi vertritt die Auffassung, dass sich eine Tendenz abzeichne, künftig wieder Kohle aus Gesteinsschichten zu fördern. Das sei denkbar. Die Technik habe sich in diese Richtung entwickelt und entwickle sich derzeit weiter. Zwar sei Afrika für diese Kohleförderung in der Tiefe besser geeignet, da es weniger warm sei im Untergrund als in Europa. Hierorts nehme die Temperatur um 30 °C pro Kilometer Richtung Erdinneres zu. In Afrika seien es  ca. 20 °C.

Der Präsident bittet um Erläuterungen zu den aktuellen Ansätzen von China und USA, mit neuen Techniken die Energiegewinnung aus Atomenergie schonender und mit weniger Abfall zu gestalten. Prof. Wildi meint dazu, es sei nur schwer zu prognostizieren, in welche Richtung diese  Entwicklung führe. Sicher seien wirtschaftliche Motive im Vordergrund.

Ein namentlich nicht bekannter Herr erkundigt sich nach Versuchen des Paul-Scherrer-Instituts (PSI) zur Transmutation (Umwandlung von Radionukliden). Gemäss Prof. Wildi hätten diese Versuche mit kleinsten Materialmengen stattgefunden, sie seien bisher ergebnislos geblieben.

Mitglied und Pressevertreter Peter Belart erkundigt sich, welches aus Sicht von Prof. Wildi nun die geeignete Lösung sei. Dieser bittet um die nächste Frage. Es bricht Gelächter aus. Ernsthaft erläutert Dr. Wildi, dass man nicht viel weiter sei, als  zu Beginn der Überlegungen zur nuklearen Entsorgung. Der Umgang mit der Atomenergie sei ein grober Zivilisationsfehler. Es bestehe nach seiner Meinung keine „Lösung“. Man müsste aus seiner Sicht eine neue Auslegeordnung vornehmen. Man habe sich 50 Jahre lang in die falsche Richtung bewegt. Ein Neustart wäre sinnvoll. Aus seiner Sicht sollten die Landesgrenzen überwunden werden, um Lösungsansätze international verfolgen zu können. Ein schlechter Standort (z.B. auch in der Schweiz) könne die Sicherheit anderer Länder gefährden. Dafür bestehe allerdings im Moment international keine Einsicht. Man müsste mit den Nachbarn reden.

Eine Person nimmt Anstoss daran, dass sie durch Vertreter der Organisation der Standortwahl orientiert worden sei, der Standort Bözberg sei „sicher“. Sie glaube dieses nicht. Prof. Wildi bestätigt, dass Prognosen wiederholt verfrüht gemacht worden seien und werden. Der aktuelle Prozess sei weitgehend  politisch gesteuert statt wissenschaftlich-technisch. Die Standortfindung sei degradiert worden zu einer administrativen Leistung im Sachplanverfahren. Die Sicherheit sei in den Hintergrund gerückt. Auch wenn von „offizieller“ Seite jeweils das Gegenteil beteuert werde.

Der Präsident leitet über, dass diese Feststellung von Prof. Wildi exakt der Wahrnehmung von Pro Bözberg und seinem Vorstand entspreche. Die Haltung sei, dass Sicherheitskriterien imperativ vor politischer Machbarkeit stehen müssen. Dr. Wildi bestätige, dass hier der Verein sich weiter in diese Richtung engagieren solle.

 

Bericht erstellt vom Vereinsaktuar: Raphael Haltiner, redigiert durch André Lambert und Theo Sonderegger

Jahresversammlung vom 10. April 2019 mit Gastreferent Prof. W. Wildi

Die Musikgesellschaft Bözberg begleitet durch den Abend

 

17. ordentliche Mitgliederversammlung von Pro Bözberg

„Wie weiter mit dem Atommüll?“

Die Versammlung in Oberbözberg befasste sich einmal mehr kritisch mit den Themen „Tiefenlagerstandort für radioaktive Abfälle“ und „Waldbewirtschaftung“. 

Bericht von Max Weyermann

Wie Präsident Otto H. Suhner gleich zu Beginn der von rund hundert Personen besuchten Versammlung in Oberbözberg betonte, bleibt die schonende Waldbewirtschaftung weiterhin ein prioritäres Anliegen des Vereins. Dieser zählt aktuell 1716 Mitglieder aus nah und fern und setzt sich seit seiner Gründung vehement für die Erhaltung des zwischen den Zentren Zürich und Basel liegenden Erholungsraums ein. Suhner hielt unmissverständlich fest, dass die aktuelle Art einer falsch verstandenen „Bewirtschaftung“ mit grossflächigen und radikalen Holzschlägen in einem eidgenössisch geschützten BLN-Gebiet sowie in Wald- und Landwirtschaftsschutzgebieten von kantonaler Bedeutung unverantwortlich sei und so nicht hingenommen werden könne. Man erwarte in diesem Zusammenhang nach wie vor von den zuständigen kantonalen und kommunalen Behörden eine zielgerichtete Intervention.

Der gut besuchte Anlass mit gegen 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern

 

Zwei Rücktritte aus Vorstand

Mitte 2018 hat Nathalie Detsch die Nachfolge von Martina Bräutigam als Geschäftsführerin übernommen. Nach ihrer Vorstellung und der Behandlung der finanziellen Traktanden stand das Wahlgeschäft auf dem Programm.  Nach 17 Jahren Vorstandstätigkeit trat Werner Hunziker zurück und wurde mit dem besten Dank sowie mit Geschenken verabschiedet. Zudem musste die Versammlung in absentia von der Demission von Vorstandsmitglied Heiner Keller Kenntnis nehmen. Ihre Bestätigung für eine weitere Amtsperiode erhielten Präsident Otto H. Suhner, Vizepräsident Kurt Bräutigam, Aktuar Raphael Haltiner, Kassier Max Stähli und die Mitglieder René Müller, André Lambert und Theo Sonderegger. Für die Ergänzung des Vorstandes sind nun neue Kräfte gefragt. Wie in Sachen aktuelles Tätigkeitsprogramm zu erfahren war, stellt der Verein den traditionellen Anlass zum eidgenössischen Buss- und Bettag vom 15. September unter das Thema „40 Jahre Stiftung Musica Espanola Schweiz/Bözberg“. Die Bözberger Pianistin und Stiftungspräsidentin Maria Luisa Cantos wird zusammen mit Amri Alhambra mit Interpretationen auf zwei Konzertflügeln zu hören sein.

Nathalie Detsch und Otto Suhner verabschieden Werner Hunziker

 

Unsicherheit in Endlager-Frage

Als diesjähriger Gastreferent ging Walter Wildi auf das Thema „Vom KKW zum Tiefenlager“ ein. Der Geologe ist Professor  an der Universität Genf. In Fachgremien war er wie folgt tätig: 1989 bis 1997 Mitglied der Kommission Nukleare Entsorgung, 1997 bis 2000 Präsident der Eidgenössischen Geologischen Kommission, 1999 bis 2000 Präsident der Expertengruppe Entsorgungskonzepte für radioaktive Abfälle, 2000 bis 2002 Präsident der Fachgruppe Wellenberg des Kantons Nidwalden, 2002 bis 2007 Mitglied der Kommission für die Sicherheit von Atomanlagen, 2009 bis 2012 Beirat nukleare Entsorgung. Wildi hielt unter anderem fest, dass man in der Schweiz bereits seit fünf Jahrzehnten mit grossem Aufwand nach einer Lösung für die Endlagerung von radioaktiven Abfällen suche, bisher ohne konkretes Ergebnis. Im Fokus stehen nach wie vor die Standorte Jura Ost, Nördlich Lägern und Zürich Nordost (Weinland). Ob es angesichts der technischen Probleme dereinst einmal zu einer dauernden geologischen Endlagerung kommen werde, sei ungewiss. Weltweit werde in Tat und Wahrheit die zeitlich unbegrenzte Zwischenlagerung praktiziert. Gemäss Sachplanverfahren wäre jedoch die ursprünglich für die 1990-er-Jahre geplant gewesene Inbetriebnahmen der Lager ab 2050 (schwach- und mittelradioaktive Abfälle) und 2016 (hochaktive Abfälle) vorgesehen. Wie der Verein Pro Bözberg hält auch Walter Wildi fest, dass sich ein Standort in der Schweiz allein an dessen Sicherheit orientieren müsse und nicht an der politischen Machbarkeit. Im Gebiet Bözberg (Jura Ost) wären nach seiner Meinung geologische Nutzungskonflikte und wohl ein Scheitern des Projektes vorprogrammiert. Ein weiteres Problem sind die stetig steigenden Kostenprognosen für die Stilllegung der Kernkraftwerke und der Entsorgung. Während der Aufwand 1983 noch auf 2 Milliarden Franken geschätzt worden war, liegt man heute schon bei mehr als 25 Milliarden. Der Referent wies auch darauf hin, dass auch eine Lösung im und mit dem Ausland Sinn machen könnte. „Unsere für den Abfall verantwortliche Generation sollte die Angelegenheit nicht auf unsere Nachkommen abschieben“, so Wildi. Im Zusammenhang mit der ganzen Problematik wird der Vorstand von Pro Bözberg Ende Mai 2019 die beiden für die nukleare Entsorgung in Frankreich zentralen Anlagen Felslabor für hochradioaktive in Bure  und Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle Centre de l’Aube auf eigene Kosten besuchen.

Pro-Bözberg-Präsident Otto H. Suhner (links) dankt Professor Walter Wildi für sein kritisches Referat zur Atommüll-Problematik.

 

Bund und Nagra rücken Villigen ins Fadenkreuz – und damit den Bözberg auf die Pole Position?

 

 

Atomendlager: Die Standortfrage spitzt sich zu

Noch kurz vor Ende ihrer bundesrätlichen Magistratur konnte Doris Leuthard eine lästige Pendenz erledigen, die ihre Uvek-Beamten – blindlings den Nagra-Strategen vertrauend – schon mal anderthalb Jahre früher terminiert hatten: Den Entscheid des Bundesrats zur Etappe 2 im „Sachplan geologische Tiefenlager“ (SGT) und damit den Start zur Etappe 3. Für die Region des Bözbergs, für den Kanton Aargau und für seine Regierung bedeutet dies: Wachsamkeit auf allen Stufen!

Ein Blick in den Rückspiegel

Das nichts aussagende Wortkonstrukt „Geologische Tiefenlager“ verbrämt den zwar negativ konnotierten dafür die Sache beim Namen nennenden Begriff „Atom-Endlager“. Denn darum geht es. Nach wie vor. Seit 40 Jahren.

„Wann ist das Endlager bezugsbereit?“, fragten Journalisten vor 37 Jahren den ersten Nagra-Chef Rudolf Rometsch, worauf dieser orakelte: „Um die Jahrtausendwende.“ Stattdessen folgte bereits 1988 mit der Bruchlandung des Projekts „Gewähr“ das amtlich besiegelte „Aus“ für das kristalline Grundgebirge (aus Granit und Gneis) als Endlager-Wirtgestein. Ein Schleier des Schweigens legte sich auf das terminiert „bezugsbereite“ Endlager.

Zu allem Übel sagte dann das Stimmvolk von Nidwalden zweimal „Nein danke!“ zum Wellenberg. Und als 2002 die Nagra unter dem Zeit- und Kostendiktat ihrer Verwaltung das Zürcher Weinland aufgrund nur einer Bohrung handstreichartig zum Endlager-Standort erklären wollte, gelang dem aus seiner Lethargie jäh aufgeschreckten Uvek-Chef Moritz Leuenberger ein überraschend schlauer Schachzug: Er zauberte den eingangs erwähnten Sachplan geologische Tiefenlager (SGT) aus dem Hut und dispensierte sich damit gleich selbst in elegantester Weise und bis zum Ende seiner (damals noch nicht absehbaren) Amtszeit von jedem Entscheidungszwang im ungeliebten „Endlager-Dossier“. Denn mit dem „Sachplan“ sollte die Standortsuche mit anpassbaren Kriterien neu aufgegleist werden: Zurück auf Feld eins!

Also startete 2008 das SGT-Verfahren unter „Führung“ des Bundesamts für Energie (BFE) mit einer so unübersehbar verflochtenen wie unkontrolliert wuchernden Entourage von Gremien, Kommissionen, Foren, einem Inspektorat, Regionalkonferenzen, Beiräten, Ausschüssen, Experten, Gegenexperten usw., usf.

Pikanterweise – weil überraschungsfrei vorhersehbar – steht nun nach einer Sachplan-Dekade und Tausenden von Berichts-, Gutachten- und Expertisen-Seiten fest, dass die wenigen noch „im Rennen“ verbleibenden Gebiete und Gesteine identisch sind mit den „Optionen“, welche die Nagra bereits im Jahr 2005 als „präferenziell“ deklariert und publiziert hatte (Nagra 2005). So steht die Nagra also da, wo sie sich diese millionenteure Ehrenrunde mit ihrem Vorprellen im Zürcher Weinland vor 17 Jahren gleich selber eingebrockt hatte.

Mittlerweile ist Moritz Leuenberger als Mitglied des Bundesrats eine Randnotiz im Geschichtsbuch, Doris Leuthard seit ein paar Wochen ebenso. Letztere konnte in extremis noch die Sachplan-Etappe 3 einläuten. Demzufolge sollen nun also – hinsichtlich eines gemäss Kernenergie-Gesetz einzureichenden Rahmenbewilligungsgesuchs (RBG) für ein (oder zwei) Endlager – die Gebiete Nördlich Lägern, Bözberg und Zürcher Weinland weiter untersucht werden. Zuvor hatte zwar die Nagra noch einmal versucht, auf windschiefer Faktenlage das Gebiet Nördlich Lägern zeit- und aufwandsparend aus dem weiteren Verfahren zu kippen – vorzeitig und möglichst geräuschlos. Doch solchen Hauruck mochten die Fach-Experten der Kantone nicht goutieren und zwangen die Nagra mit sachlich solid verstrebter Argumentation, auch dieses Gebiet weiterhin in ihre Erkundungen einzubeziehen. Dass das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) erst nach Kenntnisnahme der kantonalen Experten-Befunde gar nicht mehr anders konnte, als sich der Forderung der Kantone anzuschliessen, lässt zumindest auf diesem Sachgebiet Zweifel an der Fach-Kompetenz dieser Aufsichtsbehörde aufkeimen.

Sachplan Etappe 3: Startrampe zur Rahmenbewilligung

Gemäss den Konzepten der Nagra für die Standortuntersuchung in SGT-Etappe 3 (Nagra 2014a) soll  „die Datengrundlage bis zum Rahmenbewilligungsgesuch vollständig erarbeitet werden“. Es geht also um die Wurst, denn mit einer erteilten Rahmenbewilligung würde der Standort eines Endlagers als atomare Anlage nach Kernenergierecht festgelegt.

Als Eckpfeiler ihrer Explorationsstrategie hat die Nagra in allen drei verbleibenden potenziellen Standortgebieten eine Serie von Gesuchen für Tiefbohrungen eingereicht. Befunde und Erkenntnisse aus diesen Bohrungen sollten dann mit den Ergebnissen der 3D-seismischen Erkundung kombiniert und in ein räumliches geologisches Modell der Struktur und des Schichtaufbaus integriert werden. Dies ist die unverzichtbare Grundlage, um in einer umfassenden Geo-Synthese die Gegebenheiten des Gesteins-Untergrundes und seine mögliche Eignung für die langzeitsichere Aufnahme eines Endlagers beurteilen zu können.

Soweit so nachvollziehbar. Doch als Zäsur von inhärent gesellschaftspolitischer Brisanz zeichnet sich am Planungshorizont die Bekanntgabe ab, für welchen Standort (oder welche Standorte) die Nagra ein Rahmenbewilligungsgesuch vorbereiten will. In ihren ursprünglichen, auf habitueller Wunschprojektion beruhenden Planungen hatte die Nagra diesen „Meilenstein“ bereits einmal für das Jahr 2019/20 als „provisorische Standortwahl“ kundgetan (Nagra 2014b)

Dieses einmal mehr als provokativ empfundene Powerplay stiess namentlich auch beim Ausschuss der Kantone (AdK) auf Ablehnung. Er kritisierte in seiner Stellungnahme zu Etappe 2 vom September 2017:

„Faktisch erfolgt mit diesem Schritt die Standortwahl für ein oder zwei Tiefenlager. Entscheidungsgrundlagen und Auswahlargumente müssen wissenschaftlich-technisch fundiert sein; dies bedingt zumindest in den Grundzügen frühzeitig deren Begutachtung, damit das Risiko eines Fehlentscheids – und damit das Misslingen des Sachplans – minimiert werden kann.“

 

Unabhängig davon reichte der Vorstand des Vereins „Pro Bözberg“ dem „Technischen Forum Sicherheit“ im September 2017 formell eine Frage zu dieser politisch heiklen Präzedenz der Standortwahl ein.

Wie aus den darauf eingegangen Antworten der zuständigen Behörden (BFE, Ensi) zu entnehmen ist, erkannten diese immerhin den politischen Zündstoff: Denn die Nagra hat zugesichert, ihren internen Entscheid nicht nur öffentlich bekanntzumachen sondern mit einem begleitenden Bericht zu begründen. Mehr nicht.

 

Daher gilt es für die Bevölkerung des Bözbergs, die weitere Entwicklung mit Argusaugen zu verfolgen und sowohl auf Verfahrenstransparenz und propagandafreie Information über die nun anlaufenden Felduntersuchungen (namentlich Tiefbohrungen) zu bestehen.

 

Aargauer Regierung lehnt das Endlager weiterhin ab

Auch die Regierung des Kantons Aargau hat in ihrer Stellungnahme zum Start der 3. Sachplan-Etappe ihre grundsätzlich ablehnende Haltung gegen den Standort Bözberg bekräftigt (Kanton Aargau 2018). Zu ihren wichtigsten Bedenken zählen mögliche Beeinträchtigungen der Grund-, Mineral- und Thermalwassernutzungen. Ausgesprochen kritisch äussert sich der Regierungsrat zur örtlichen Wahl und raumplanerischen Vor-Festsetzung der sogenannten Oberflächenanlagen.

Denn im angeblich „ergebnisoffen und sicherheitsgerichtet geführten“ Sachplan-Verfahren haben Bund und Nagra den Standort Villigen für die Atommüll-Verpackungsanlage bereits als Zwischenergebnis im Sachplan festgesetzt, statt erst als Vororientierung. Gegen diesen raumplanerischen Stosstrupp aus Bern protestiert die Aargauer Regierung folgerichtig. Denn damit würde das atomare Kuckucksei faktisch ins nuklear vorgeheizte Nest im unteren Aaretal gelegt, bevor die Standort-Erkundung in allen Regionen überhaupt erst begonnen hat. Zudem würde der Bözberg als Endlagerstandort obligat auf die Pole-Position vorrücken, denn er liegt nur vier Tunnel-Kilometer vom Standort in Villigen entfernt. Mithin drängen sich die geografischen Opportunitäten offenkundig in den Vordergrund. Für den Kanton Aargau ist indes das Primat der Sicherheit unantastbar: die Regierung ist weiterhin gefordert – mehr denn je!

Ausschlusskriterien und internationaler Vergleich

Zusätzlich zu den geltenden Sicherheitskriterien gemäss „Konzeptteil Sachplan“ verlangt das Kernenergiegesetz (KEG Artikel 14) die vorgängige Festlegung von „Ausschlusskriterien, bei deren Nichterfüllung ein vorgesehener Lagerbereich wegen fehlender Eignung ausgeschlossen wird“.

Zudem erwartet Pro Bözberg, dass in einem grenzüberschreitenden (zumindest europäischen) Risikovergleich die auf internationaler Ebene anerkannten Kriterien angewendet werden. Darauf basierend sollen die länderspezifischen Sicherheitsunterschiede transparent aufgezeigt, entsprechende Schlussfolgerungen gezogen sowie ggf. in letzter Konsequenz Kurskorrekturen in der nuklearen Entsorgungspolitik der Schweiz vorgenommen werden.

Autor: André Lambert, Vorstand pro Bözberg

 

Referenzen

 

Kanton Aargau (2018): https://www.ag.ch/de/weiteres/aktuelles/medienportal/medienmitteilung/medienmitteilungen/mediendetails_97153.jsp

 

Nagra 2005: Darstellung und Beurteilung der aus sicherheitstechnische-geologischer Sicht möglichen Wirtgesteine und Gebiete. – Nagra Tech. Ber. 05-02

 

Nagra 2014a: Konzepte der Standortuntersuchungen für SGT Etappe 3. – Nagra Arb. Ber. 14-83

 

Nagra 2014b https://www.nagra.ch/data/documents/database/dokumente/$default/Default%20Folder/Publikationen/Infos/d_info42.pdf

Traditioneller Bettagsanlass 2018

Pro Bözberg   Tradtioneller Bettagsanlass mit alt Bezirksamtmann Alfred Loop

Erinnerungen an vergangene Zeiten

Der Referent wartete mit interessanten Informationen zum Thema „Wie lebten die Menschen auf dem Bözberg zwischen 1770 und 1970?“ auf.

Max Weyermann

Entsprechend dem nostalgischen Lied  „Die alten Strassen noch, die alten Häuser noch, die alten Freunde aber sind nicht mehr“, fanden sich am Buss- und Bettag  gegen 60 Personen beim ehemaligen, im Frühjahr 2018 geschlossenen Gasthof Bären auf der auf 574 Meter über Meer gelegenen Bözberg-Passhöhe ein. Mit von der Partie waren auch diverse Nachfahren von alteingesessenen Familien.

Auf dem Programm standen ein Vortrag und eine Führung mit dem ehemaligen Brugger Bezirksamtmann Alfred Loop. Er ist 1942 auf dem Altstalden (ehemals Unterbözberg) geboren und hier aufgewachsen und verfügt über ein umfangreiches geschichtliches Wissen in Sachen Lebensverhältnisse zuoberst auf dem Bözberg. Sein einleitendes Referat illustrierte er mit Landkarten sowie mit  historischen Fotos von Strassen, Häusern (es handelt sich um rund 30 Liegenschaften) und Menschen vom Stalden. Zu letzteren zählten nicht nur Einheimische, sondern auch aus der Region und von weiter her zugezogene, auch eingeheiratete Bewohner. Alfred Loop zeigte mit detailliertem Bezug zu den verschiedenen Familien Eigenheiten und Zusammenhänge auf. So erwähnte er zum Beispiel auch frühere Gemeindeammänner. Generell ergab sich das Bild einer „gschaffigen“ Bevölkerung, die sich jedoch wie andernorts auch aus wohlhabenderen und weniger begüterten Kreisen zusammensetzte. Dies zeigte sich angesichts der verschiedenen Wohnsituationen. Anfänglich waren Altstalden  und Spannagel Lebensmittelpunkte, weil hier früher Hauptverkehrswege zwischen Brugg und dem Fricktal durchführten. Das Gasthaus Bären befand sich anfänglich im Birch, später wurde der Betrieb nach Altstalden verlegt, und 1780 erfolgte nach der zwei Jahre zuvor gefeierten Eröffnung der heutigen Bözbergstrasse ein weiterer Neustart direkt an dieser wichtigen Verbindung. 1811 wurde sodann die gegenüberliegende, markante Bären-Scheune eingeweiht.

Auf dem an den Vortrag anschliessenden Marsch vom Neustalden via Altstalden zum Spannagel wartete Alfred Loop mit weiteren Informationen zu Menschen, ihren Namen und Tätigkeiten, Häusern, Flurbezeichnungen, benützten Landwirtschaftsmaschinen, aber auch zur alten Römerstrasse über den Bözberg auf. Vor der Rückkehr zum Ausgangspunkt beim „Bären“, wo in der ehemaligen Gartenwirtschaft  Gelegenheit zum gemeinsamen „Brötle“ bestand, ermöglichte Unternehmer und Pro-Bözberg-Präsident Otto H. Suhner die Besichtigung der von ihm bewohnten Liegenschaft Spannagel  5 (bis zur 2012 erfolgten Bözberg-Fusion trug diese die Nummer 75). Im ehemaligen Bauernhaus sind etliche Generationen aufgewachsen, darunter auch Alfred Loop, dessen Eltern 1933 aus der Gegend von Walenstadt SG auf den Stalden gezogen waren. 

 

Brugg, den 17.9.2018   Max Weyermann

 

Fotogalerie

Fotograf: „Heinz Oftinger, Attraktiver Standort Bözberg-West“

Vortrag und Exkursion über den Stalden auf dem Bözberg

Vortrag und Exkursion über den Stalden auf dem Bözberg
(Neustalden, Altstalden Spannagel, Römerweg)

Unseren traditionellen Buss- und Bettaganlass stellen wir dieses Jahr wie vorangekündigt unter das Thema „Die alten Strassen noch, die alten Häuser noch, die alten Freunde sind nicht mehr…“ über die Zeit von ca. 1770 – 1970.

Mit Alfred Loop, ehemaliger Bezirksamtmann von Brugg, 1942 geboren und aufgewachsen auf dem Spannagel.

Sonntag, 16. September 2018

13.45 h Parkplatz Gasthof „Bären“, Stalden

Vortrag im Bärensaal mit alten Landkarten und Bildern von Strassen, Häusern und Leuten vom Stalden, von den alteingesessenen Bürgern und zugezogenen Lauffohrern, Thalmern, Bernern, Ostschweizer, „Ossis“, Polen und Ungarn. Dann Rundgang vom Neustalden über den Altstalden, Spannagel bis zum Römertor und Rückkehr zum Bären.

  • Postauto (137): Brugg Bahnhof ab 13.34 h; Stalden Bözberg Passhöhe an 13.42 h
  • Parkplätze Gasthof Bären, Bözberg Passhöhe
  • Exkursion: allwettertaugliche Kleidung, Schuhwerk
  • Ab 16.15 h: Cervelats vom Grill und Getränke Gartenwirtschaft Gasthof Bären

Auf Ihr zahlreiches Erscheinen freuen wir uns!

Bringen Sie Freunde und Interessierte mit!

>>> Einladung ansehen und zum ausdrucken (pdf)

Bettaganlass Stalden, Pro Bözberg
Bettaganlass Stalden, Pro Bözberg

Wie viel Kohle liegt unter dem Bözberg?

Wie viel Kohle liegt unter dem Bözberg?

Nagra und Ensi wollen es nicht wissen – aus „gutem“ Grund!

 

Ein Doppel-Flop

Der Champagner war schon kühlgestellt in jenem Frühsommer des Jahres 1983, als die Bohrkrone der Nagra-Sondierbohrung im zürcherischen Weiach, nahe der Aargauer Kantonsgrenze, in 990 m Tiefe das (früher Urgestein genannte) „Kristallin“ erreichen sollte: Granite und Gneise galten damals als das „einzig richtige“ Gestein für die Aufnahme eines atomaren Endlagers. Doch was die Bohrung dann – im Wortsinn – zutage förderte, war alles andere als solider Fels, sondern hunderte von Metern Sedimentgesteine (Sande, Silte, Tone). Und, um das Fiasko noch zu toppen, durchteufte die Bohrung in diesen Sedimenten wiederholt Kohleschichten: in der Summe 32 m mächtige Kohleflöze von teilweise ausgezeichneter Qualität. Erst 2 km unter der Erdoberfläche stiess die Bohrung endlich auf den Gneis des Grundgebirges: in solcher Tiefe ist ein Endlagerbergwerk technisch  nicht realisierbar. Es war der Anfang vom Ende der Option „Kristallin“ als Endlagergestein in der Schweiz. – Die Champagner-Korken knallten nicht.

Das räumliche Ausmass der Sedimentgesteine aus dem Erdzeitalter des Perms und des Karbons im Untergrund der Nordschweiz zeigte sich erst nach und nach in den Aufzeichnungen reflexionsseismischer Profilaufnahmen als Konturen gewaltiger, trogförmiger Vertiefungen, welche sich im Lauf der Erdgeschichte, nämlich am Ende des Paläozoikums (= Erdaltertum) entlang tektonischer Verwerfungen bis mehrere Kilometer tief in den kristallinen Sockel eingesenkt hatten (Abb. 1). Diese Erkenntnisse über die Ausdehnung des seither so genannten «Permokarbontrogs» waren neu. Die Nagra hatte es trotz gutgemeintem Rat unabhängiger Experten – in Selbstüberschätzung und vorauseilendem Zweckoptimismus – als verzichtbar erachtet, tiefreichende seismische Messungen vorgängig der millionenschweren Bohrungen durchzuführen. Dafür bekam sie die Quittung aus dem Untergrund.

Abb. 1: Geologisches Profil (NNW–SSE, nicht überhöht) durch die Bohrung Riniken, vom Rhein über den Jura zum Mittelland. Mit roten Linien sind tektonische Trennelemente dargestellt (Bruchstrukturen, Überschiebungen). Der im kristallinen Grundgebirge tektonisch eingesenkte Permokarbontrog (braune und graue Farben) ist bis mehrere Kilometer tief  (nach Pfiffner, 2009). Die rund hundert Meter mächtige Schicht des Opalinustons befindet sich innerhalb der Ablagerungsgesteine aus der erdgeschichtlichen Jurazeit (in der Abbildung mit blauer  Farbe bezeichnet). Die Bohrung Riniken  durchteufte diese Tonsteinschicht zwischen 331 und 451 m unter der Terrain-Oberfläche. Unter dem Bözberg verläuft die Obergrenze der Opalinuston-schicht, je nach den topographischen Gegebenheiten, im Tiefenbereich von 300 bis 400 m.

 

So musste die Nagra dann schliesslich ihre (ebenfalls auf das kristalline Grundgebirge fokussierte) Bohrung bei Riniken (1983/84) in 1800 m Tiefe abbrechen, mitten in den kilometermächtigen Perm-Sedimenten (Abb. 1).

Damit aber blieb – und bleibt! – die Frage unbeantwortet, ob in den tieferen Schichten des Karbonzeitalters, nicht auch noch Kohle und Kohlenwasserstoffe vorkommen.

 

Denn wie noch zu erläutern sein wird, führen nutzbare Rohstoffe im tiefen Untergrund gemäss den Sicherheitskriterien des Bundes in einen unlösbaren Nutzungskonflikt, weil ein Endlager über einer solchen Rohstoff-Ressource nicht gebaut werden darf. Dies ist in den Kriterienlisten des Sachplan-Konzeptteils mit akkurater Unzweideutigkeit  festgelegt.

 

Rohstoffe im Untergrund der Nordschweiz: Konsequenzen für Endlagerprojekte

Die Permokarbontröge erstrecken sich, soweit bekannt,  mit etlichen Verzweigungen räumlich verbreitet durch den tiefen Untergrund der Nordschweiz (Abb. 2). Sie gelten aufgrund gesicherter Erkundungsergebnisse als Regionen mit hohem Potenzial für das Vorkommen und die zukünftige Nutzung von Kohle und Kohlenwasserstoffen. Zudem stehen die potenziell Thermalwasser führenden Randstörungen der Tröge als bevorzugte Zielgebiete möglicher Nutzung von geothermischer Energie im Fokus prospektiver Interessen.

Hinsichtlich der nuklearen Entsorgung in geologischen Tiefenlagern wirft der Permokarbontrog (und namentlich sein potenziell nutzbarer Inhalt) in der Schweiz Fragen bezüglich von Interessenkonflikten und Risiken auf, welche die „Sicherheit der Endlagerung“ in Frage stellen.

Abb. 2: Vermuteter und teilweise gesicherter Verlauf der Permokarbontröge in der Nordschweiz sowie im Mittelland (entspricht der Basis des Schichtstapels von der Trias bis und mit Tertiär). In diskreten Umrissen erkennt man die von der Nagra vorgeschlagenen geologischen Standortgebiete. Die blaue Linie entspricht etwa dem Verlauf der Profilspur des geologischen Querschnitts in Abb. 1.

Das Konzept eines geologischen Endlagers basiert auf der Annahme, dass hochradioaktive Stoffe bis zu einer Million Jahre so sicher im geologischen Untergrund eingeschlossen werden, bis durch den Zerfall der radioaktiven Substanzen ihre Gefährlichkeit abgeklungen ist. Über diesen Zeitraum soll der Einschluss durch Abfallbeschaffenheit, Behälter, Stollenverfüllung und Gestein „wartungsfrei“ (d.h. ohne Sicherung und Bewachung durch Menschen) gewährleistet sein. Das bezeichnen Entsorgungsorganisationen wie die Nagra in diversen Ländern weltweit als „sicheres Endlager“. Doch die Sache hat einen Haken: Sollten nämlich in absehbarer oder weiter Zukunft lebende Gemeinschaften je auf den Gedanken kommen, noch während der nuklearen Abklingzeit nach Rohstoffen im Permokarbontrog zu suchen (Geothermie, Kohle, Gas, CO2– und Kohlenwasserstoff-Gasspeicherung im Untergrund) könnten sie ungewollt auf das Endlager stossen und radioaktiven Substanzen den Weg ins Freie öffnen.

In diesem Zusammenhang sind die „Beurteilungskriterien“ gemäss Konzeptteil des Sachplans geologische Endlager unmissverständlich formuliert (siehe Tabelle A1-8, Kriteriengruppe „Langzeitstabilität“ und „Nutzungskonflikte“; Bundesamt für Energie 2011):

„Beurteilt werden die nutzungswürdigen Rohstoffe und die sich daraus allfällig ergebenden Nutzungskonflikte. Insbesondere wird beurteilt, ob im oder unterhalb des Wirtgesteins … wirtschaftlich nutzungswürdige Rohstoffe (z. B. Salz, Kohlenwasserstoffe, Geothermie, Mineralquellen und Thermen) … vorkommen. Beurteilt wird …, ob die Erschliessung und Nutzung der Rohstoffe die Barrierenwirkung des Wirtgesteins beeinträchtigen (Schichtverletzung) oder das Lager direkt treffen könnte.
Günstig ist, wenn keine Rohstoffe, … innerhalb des Standortgebietes vorkommen.“

 

Fossile Kohlen und Kohlenwasserstoffe: Steinkohle und Erdgas

Die bisher erschlossenen Kohleflöz-Vorkommen liegen zwar in rund 1.5 km Tiefe, was ihre Nutzung gegenwärtig erschwert. Doch neuere Methoden der in situ Kohleflöz-Entgasung (Coalbed Methane, CBM) ermöglichen – allein durch Bohrungen – seit den 80er Jahren die Gewinnung von Kohlenwasserstoffen, ohne ihre aufwändige bergbautechnische Erschliessung bis in grosse Tiefen. Das Potenzial für Kohle und Kohlenwasserstoffe erstreckt sich über das gesamte Verbreitungsgebiet der Permokarbontröge. Diesen Befund belegt auch eine auf Erkundungsarbeiten der Nagra basierende  Karte  der potenziellen Kohlenwasserstoff-Ressourcen (vgl. Abb. 2), im Aargau auf einer Breite von 7-9 km Ost–West quer durch den Kanton (Eberhard 2016, Abb. 6).


Geothermie

Naturgegebene radioaktive Zerfallsprozesse im tiefliegenden Gestein des Erdmantels und der Erdkruste (z.B. die Transformation von Uran oder Thorium über verschiedene Nuklidstufen zu Blei) verlaufen exotherm, d.h. es wird Umgebungswärme produziert. Diese Wärme, die bis an die Erdoberfläche vordringt, wird unter dem Begriff Geothermie subsummiert. Je nach Beschaffenheit der Gesteinsschichten erfolgt der Wärmefluss infolge der unterschiedlichen Wärmeleitfähigkeit in abweichender Intensität (im Normalfall gilt als Faustregel eine Wärmezunahme von rund 3°C pro 100 m Tiefe). Doch an Bruchstellen der Erdkruste, wo der ursprünglich kompakte Gesteinsverband mechanisch durch Risse und Verwerfungen  geschwächt wurde, kann der geothermische Fluss lokal stark erhöht sein, namentlich wo zirkulierendes Tiefenwasser nach seiner Erwärmung auf bevorzugten Fliesspfaden beschleunigt den Weg als Thermalwasser Richtung Erdoberfläche findet.

Allein die Präsenz von drei bedeutenden Thermalwasser-Nutzungen auf dem Aargauer Territorium ( Schinznach, Baden, Zurzach) ist ein starkes Indiz für regional aussergewöhnlich hohen Erdwärmefluss. In der Tat ist das geothermische Potenzial aufgrund der geologisch-tektonischen Gegebenheiten im Aargau, insbesondere rund um den Bözberg, besonders vielversprechend. Wie neuere Untersuchungen zeigen (Medici & Rybach 1995), kann im Kanton Aargau mit Wärmestromdichten von über 130 Milliwatt pro Quadratmeter (mW/m2) gerechnet werden (Durchschnittswert in der übrigen Schweiz ca. 80 mW/m2). Dies wird hauptsächlich auf tiefgreifende tektonische Schwächezonen im Grundgebirge (Randstörungen des Permokarbontrogs) zurückgeführt sowie auf Brüche und Gesteinsüberschiebungen im Faltenjura (Eberhard 2016, Abb. 6 und 7). Verschiedene Machbarkeitsstudien befassen sich denn auch mit möglichen Nutzungen der Tiefengeothermie im Kanton Aargau. Namentlich im Bereich der Permokarbontröge, wo der kristalline Untergrund entlang der Randstörungen in die Tiefe sackte, sind die Voraussetzungen für die Nutzung der Tiefengeothermie in hohem Masse gegeben.

 

 Nagra und Ensi verschliessen Augen und Ohren

Jede Forderung, die  Nagra solle ihre vorgesehenen Sondierbohrungen im Bereich des Bözbergs bis auf den Grund des Permokarbontrogs vertiefen, um damit weitere Erkenntnisse über die kilometermächtigen  Sedimente aus der Perm- und  Karbonzeit zu gewinnen, wird von der Nagra und der Aufsichtsbehörde (Ensi) in gewohnter Einigkeit mit fadenscheinigen Argumenten abgewiesen. Man lese dazu beispielsweise die bagatellisierenden und in ihrer Absurdität stellenweise kaum zu überbietenden Formulierungen aus der Broschüre der Nagra “Ressourcen im Untergrund und geologische Tiefenlager – ein Konflikt?”

Darin ist u.a. zu vernehmen (Zitat): “Ist ein Tiefenlager errichtet worden, muss der Standort durch einen Schutzbereich gemäss Art. 40 Kernenergiegesetz vor anderen Nutzungen geschützt werden.” Sachdienlich präzisierend ergänzen wir: “… während der folgenden Million Jahre.”

Die Tatsache, dass sich heute offensichtlich sowohl Nagra als auch Ensi um die vertiefte Erkundung der Permokarbon-Vorkommen im geologischen Untergrund der evaluierten Lagerstandorte drücken, basiert also auf einem alles andere als ergebnisoffenen und daher fragwürdig-durchsichtigen Winkelzug. Denn die im Grundgebirge nachweislich, bzw. mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhandenen Rohstoffe kann man nicht einfach mit einem “Verbot” oder einer “gesetzlichen” Auszonung vor späterer Ausbeutung schützen. Allein schon der schlichte Befund – z.B. einer Geothermiebohrung, die auf mehr als nur Wärme stösst –, könnte den Tiefenlager-Sachplan-Dampfer in arge Seenot bringen.

 

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Fazit: Das Ressourcen-Potenzial im tiefen Untergrund des Bözbergs muss nach dem Stand der Explorationstechnik abgeklärt und seine Nutzungswürdigkeit bis zu einem  Zeitraum von einer Million Jahre evaluiert werden, bevor ein Endlager-Projekt realisiert wird.

Alles andere untergräbt die Glaubwürdigkeit sowohl der Nagra als auch namentlich der Aufsichts- und Bewilligungsbehörden des Bundes bezüglich ihrer eigenen Beurteilungskriterien. Solange konkret absehbare Risiken nicht faktenbelegt ausgeschlossen werden können, ist ein Endlager ganz einfach nicht “langzeit-sicher” mithin gegebenenfalls gar gesetzeswidrig.

Sollte also die vorgängige Abklärung der Vorkommen von Kohle, Gas und eventuell Erdöl unterbleiben, ist auch davon auszugehen, dass die vom Parlament referendumsfähig erteilte Rahmenbewilligung in einer Volksabstimmung mit grosser Wahrscheinlich abgelehnt wird: Ein nuklearpolitischer Trümmerhaufen.

 

André Lambert und Heiner Keller, Mitglieder des Vorstandes

 

Referenzen

Bundesamt für Energie (2011): Konzeptteil Sachplan geologische Tiefenlager (Rev.)

http://www.bfe.admin.ch/themen/00511/01432/06821/index.html?lang=de&dossier_id=06900

Eberhard, M. (2016): Geothermie im Kanton Aargau. Aarg. Naturf. Ges. Mitt. 2016, Bd. 38: 81-112.

Medici, F. & Rybach, L. (1995): Geothermal map of Switzerland 1:500‘000 (Heat Flow Density). Beitr. Geol. Schweiz, Ser. Geophys. Nr. 30, Schweiz. Geophys. Komm.

Nagra.aus verantwortung (2017): ressourcen im untergrund und geologische tiefenlager – ein konflikt?

https://www.nagra.ch/data/documents/database/dokumente/$default/Default%20Folder/Publikationen/Broschueren%20Themenhefte/d_Faltblatt_Ressourcen_2017.pdf

Pfiffner, O.A. (2009): Geologie der Alpen. Haupt Verlag, Bern, Stuttgart, Wien. ISBN 978-3-8252-8416-9