Atommüll Endlager: Studienreise nach Frankreich bringt neue Erkenntnisse

Eine Delegation des Vorstandes hat Ende Mai 2019 in Frankreich zwei Anlagen zur Lagerung der atomaren Abfälle besucht. Unser westliches Nachbarland bringt dieses Problem einer möglichen Lösung schon viel näher als die Schweiz und ist offensichtlich gewillt, die Sache ernsthaft anzugehen. Wieso die konkreten Erfahrungen der Franzosen weder für die Nagra noch für die zuständigen Bundesbehörden in der gegenwärtigen Diskussion um ein Endlager unter dem Bözberg keine Rolle spielen, ist unverständlich.

Gruppenbild der Delegation im Versuchslabor der Andra (Agence nationale pour la gestion des déchets radioactifs) rund 450 Meter unter der Erdoberfläche in einem Stollen des Felslabors Bure (Frankreich, Dépt. Meuse/Haute-Marne). 

 

Pro Bözberg hat die Reise nach Bure (an der Grenze zwischen den Departementen Meuse und Haute Marne) und Centre de l‘Aube (Departement Aube) selber organisiert, bezahlt und ausgewertet. Frankreich ist die drittgrösste Atommacht der Welt, produziert in 58 Atomkraftwerken mit 75 Prozent den höchsten Anteil am eigenen Strom (Schweiz: 5 Atomkraftwerke, 25 Prozent Anteil) und betreibt in La Hague (Normandie) eine Wiederaufbereitungsanlage für abgebrannten Kernbrennstoff. Es gibt keine Absichten für einen Ausstieg aus der Atomkraft-Nutzung. Die sichere Lagerung der Abfälle und namentlich die technisch implementierte Rückholbarkeit (v.a. für die spätere Wiederverwendung der hochaktiven Abfälle) haben in Frankreich deshalb eine ganz andere Bedeutung als in der Schweiz: Frankreich will eine reversible Lösung, weil die Nutzung weitergeht. Die Schweiz muss ihre angehäuften atomaren Abfälle noch lagern und entsorgen, wenn die Atomkraftwerke längst abgestellt sein werden. Dennoch ist unser Land per Kernenergiegesetz verpflichtet, die radioaktiven Abfälle rückholbar zu lagern. Diesbezüglich und insbesondere konzeptuell bedarf es aber akuter Nachhilfe: ein Augenschein in Frankreich genügt.

 

Tiefenlager für hochaktive Abfälle bei Bure (Projekt Cigéo = Centre industriel de stockage géologique)

Räumliche Situation der projektierten Anlagen für das Tiefenlager für hochradioaktive und langlebige Atomabfälle

 Laboratoire souterrain: Seit 25 Jahren betreibt die Andra an diesem Standort ein Tiefen-Felslabor.

Espace technologique: Neues Informationszentrum im Bereich der vorgesehenen Oberflächenanlagen (Zone de réception).

Ecothèque: Einrichtungen für die Überwachung von Umwelt und Landschaft (Oberfläche) auf total 900 km2.

Zone de réception: Einrichtungen für Anlieferung (Zug), Abfertigung und Transport ins Tiefenlager (Standseilbahn). Fläche ca. 300 ha.

Zone de travaux et de creusement : Oberflächenanlagen über dem künftigen Tiefenlager. Fläche ca. 300 ha. Die Distanz zwischen Bure und Bonnet beträgt etwa 6 km.

Empfang mit Schweizer Flagge in Bure (F). Eingang zum Espace technologique.

Der Empfang beim Laboratoire souterrain (Tiefen-Felslabor) der Andra ist freundlich, der Eingangsbereich aber stark gesichert.

 

 

 

 

 

Jede nukleare Abfallkategorie (hochaktiv, langlebig-mittelaktiv) wird in „massgeschneiderten“ Lagerbehältern konditioniert.

 

 

 

 

 

In Bure, 225 km Luftlinie nordwestlich vom Bözberg entfernt, sind die Arbeiten im Bereich des Tiefenlagers für Frankreichs hochaktive und langlebige mittelaktive atomare Abfälle weit fortgeschritten: Seit 25 Jahren betreibt die Andra (Agence nationale pour la gestion des déchts radioactifs, also das französische Pendant zur Nagra) in einer Tongesteinsschicht des tektonisch stabilen Pariser Beckens, 450 m unter der Oberfläche, das Versuchslabor.

Das Stollensystem des Versuchslabors ist weitläufig in einer Tonsteinschicht aus der Jurazeit („Callovo-Oxfordien“) ausgelegt. Diese Gesteinsformation gilt aufgrund ihrer Eigenschaften (Sorptions- und Abdichtungsvermögen, Mächtigkeit) als präferenzielle Option für die Einlagerung der hochradioaktiven Abfälle. Das Labor dient der fortlaufenden Charakterisierung des „Wirtgesteins“ vor Ort, insbesondere seines bergbautechnischen Verhaltens sowie dem Testbetrieb der Einlagerung im Massstab 1:1. Dabei steht die erleichterte Rückholbarkeit methodisch im Vordergrund. Das Labor wird im Sinne einer projektbegleitenden Versuchs- und Optimierungsanlage auch während des Bau- und Einlagerungsbetriebs im benachbarten Tiefenlager in Betrieb bleiben.

Mitglieder des Vorstands von „Pro Bözberg“ 450 Meter unter der Erdoberfläche in einem Stollen des Felslabors Bure (F). Eine Stollenbau- und Felsmechanik-Expertin (mit weissem Helm) erläutert, wie sich der Vortrieb der Stollen nach den vorherrschenden Gebirgsspannungen zu orientieren hat, um eine möglichst uneingeschränkte Integrität des Tongesteins zu gewähren. Solche konkreten Erkenntnisse lassen sich nur vor Ort im unter enormer Spannung stehenden Gebirge gewinnen.

 

 

 

Die geologischen Gegebenheiten im Nordostbereich des tektonisch ruhigen Pariser Beckens bieten wesentliche Standortvorteile: geringe Erdbebenwahrscheinlichkeit, keine aktive Gebirgsbildung, keine Tiefenerosion durch eiszeitliche Gletschervorstösse, keine Nutzungskonflikte mit Rohstoffen in der Tiefe (Geothermie ausgenommen).

Trotzdem stehen die Gesteine infolge ihres eigenen, mit der Tiefe zunehmenden Gewichts (Lithostasie) im Wortsinn unter hohem Druck. Die dadurch im Lagergestein erzeugten Gebirgsspannungen müssen daher hinsichtlich Stollenbau und Einlagerung nicht nur verstanden sondern bergbautechnisch berücksichtigt werden. Daher wird der minutiösen Erfassung des geotechnischen Spannungsfeldes hohe Priorität beigemessen. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen sind unabdingbare Grundlagen für die Auslegung der Stollengeometrie und der erforderlichen Sicherungen für den Ausbau.

Die Expertin für Geomechanik und Bergbau erläutert das Stollensystem der vorgesehenen französischen Tiefenlager-Auslegung und wie sich Vortrieb und Ausbau der Stollen nach den vorherrschenden Gebirgsspannungen zu orientieren hat. Denn die Langzeitsicherheit eines atomaren Tiefenlagers erfordert dauerhaftes Einschlussvermögen, also auch eine möglichst uneingeschränkte Integrität des Lagergesteins. Von einem befestigten, d.h. mit Beton-Tübbingen ausgekleideten, Hauptstollen aus (Bild links) werden im rechten Winkel zur Stollenachse seitlich in regelmässigen Abständen horizontale Stummel-Bohrungen (frz. alvéoles) von einigen Dekametern Länge in das Gestein vorgetrieben (oberes Bild rechts). Während des Bohrens wird kontinuierlich ein Stahlrohr in das Bohrloch eingeschoben; es dient der Stabilisierung des Bohrlochs und der nachfolgenden Aufnahme der Abfallbehälter.

Der Besuch des Stollensystems zeigte eindrücklich: Die konkreten Fragen zu Bohrtechniken, Geologie, Veränderungen durch Luftzufuhr (Austrocknung des Gesteins), Druckentlastungen und Umlagerungen der Gebirgspannung infolge Stollenausbruch, Sicherheit der Arbeiten, technische Lösungen für Behälter, Einlagerung, Überwachung können bzw. müssen letztlich zwingend vor Ort, unter Tage abgeklärt werden, selbst wenn dies mit sehr grossem Aufwand einhergeht.

Die ausgesprochen offenen (und selbstkritischen) Erläuterungen der begleitenden Experten anlässlich der Orientierung in den Stollen der Forschungsanlage beeindruckten die Teilnehmer. Frankreich ist offenkundig auf dem Weg einer machbaren, den Anforderungen an Sicherheit und Reversibilität genügende Lagerung so weit fortgeschritten, dass in unmittelbarer Nähe des Versuchslabors (das weiterhin in Betrieb bleibt) je eine Fläche für die Umlade- und Zulieferungsanlagen (mit Bahnanschluss und Seilbahn ins Tiefenlager) sowie für die umfangreichen Oberflächenanlagen (mit je gegen 300 ha Fläche) rechtlich ausgeschieden, gesichert und vorbereitet sind. Die Entscheidung über den Start der Einlagerung fällt der Staatspräsident nach einer Anhörung im französischen Parlament. Die Kosten von geschätzten 25 bis 40 Milliarden Euro übernehmen die Verursacher (Nutzer).

Sicherheit:

 

Alle Anlagen sind von Zäunen teilweise doppelt umgeben und stehen rund um die Uhr im Blickwinkel der Überwachungsanlagen und patrouillierender Mannschaften der Sicherheitsdienste.

Auch alle Nebenanlagen, einschliesslich Informaionspavillons sind eingezäunt und erfordern dementsprechend viel Unterhalt. Demonstrationen und Terrain-Besetzungen sind wegen der Abgelegenheit selten. Plakate und Schmierereien zeugen jedoch von latent schwelendem Oppositions-Potenzial.

 

Umgebung:

Aus der nur mässig hügeligen Landschaft ragt das Gebäude der Schacht-Förderanlage markant in die Höhe

Alle Anlagen befinden sich ausserhalb bewohnter Gemeinwesen in freier Landschaft. Die Besiedelung ist dünn, die Bevölkerungszahlen tendenziell sinkend.

 

 

Oberflächenlager für schwach- und mittelaktive Abfälle Centre de l’Aube

Nachdem das Lager „Centre de la Manche“ (bei La Hague, Normandie) zu Beginn der 1990er Jahre die Kapazitätsgrenze erreicht hatte, wurden etwa 45 km ostnordöstlich von Troyes im Centre de l‘Aube zwei weitere Lager für schwach- und mittelaktive Abfälle eingerichtet; sie sind bereits seit 1992 in Betrieb. Die angelieferten, in der Regel bereits lagergerecht konditionierten Abfallgebinde werden in kubischen Betonbauwerken systematisch eingelagert. Wenn das Volumen voll ausgenutzt ist, wird der Kubus mit Flüssigbeton vergossen, verschlossen und mit einer Kunstharzschicht überzogen zum Abdichten. Eine Überwachung erfolgt über ein Langzeit-Monitoring des unterirdischen Drainagesystems. Wenn alle Betongehäuse befüllt und verschlossen sind, in ca. 50 Jahren, wird das ganze Areal mit Erdreich überdeckt und bewaldet. Die Radioaktivität soll in spätestens 300 Jahren soweit abgeklungen sein, dass für die Umwelt keine Bedenken mehr bestehen. So lange müssen aber die Anlagen sicherheitsmässig bewacht und ihre allfälligen radiologischen Auswirkungen überwacht werden.

Eingang, Umgebung und inneres Areal des Lagers 

 

 

Fazit

 

Für Pro Bözberg ergeben sich aus der Reise sowie nach dem Studium der Unterlagen und im Vergleich zum Bözberg folgende Erkenntnisse bezüglich der Entsorgung der hochaktiven Abfälle in Frankreich.

 

Umgebung der Anlagen an der Erdoberfläche

In der Landschaft beeindruckten bei allen Anlagen Weite und „Menschenleere“. Die Besiedlungsdichte ist weit über 10 Mal geringer als rund um den Bözberg. Und die Bevölkerung auf dem Land nimmt weiter ab. Alle Anlagen sind mit Zäunen, Überwachungssystemen und Personal massiv gesichert. Sie sind flächenmässig sehr grosszügig ausgelegt (Sicherheit) und grenzen nirgends an Ortschaften oder Infrastrukturanlagen.

 

Geologische Aspekte

Die seismische Stabilität (Erdbeben) des Standorts im Bereich des tektonisch ruhigen Pariser Beckens ist augenfällig, aktive Gebirgsgürtel (Alpen, Jura) sind ausser Reichweite. Daher sind auch Fragen der Langzeiterosion, insbesondere der Tiefenschurf durch eiszeitliche Gletschervorstösse unerheblich. Und mit Ausnahme des allgegenwärtigen Geothermie-Potenzials sind keine Nutzungskonflikte mit mineralischen Rohstoffen absehbar. Die Eigenschaften des designierten Lagergesteins (ein Tonsteinsediment aus der Jura-Zeit) überzeugen bezüglich Mächtigkeit (bis 140m), räumlich weitreichender Homogenität und lateraler, erkundungstechnischer Prognostizierbarkeit (mit Reflexionsseismik).

 

Bautechnik und Einlagerungskonzept

Das Felslabor Bure an sich kann als bergbautechnische Anlage prinzipiell bereits als 1:1 Demonstration der technischen Machbarkeit des geplanten Tiefenlager-Bauwerks im vorgesehenen Tongestein bezeichnet werden, freilich noch nicht in der erforderlichen Ausdehnung und noch ohne den 5 km langen Zugang über einen Schrägstollen mit Seilbahn.

Von zentraler Bedeutung ist das Einlagerungskonzept für die hochaktiven Abfälle. Vorgesehen und in aktueller Erprobung ist eine Auslegung mit ausgebautem Tunnel (Hauptzugang) und seitlichen Stummelstollen (frz. alvéoles) in regelmässigen Abständen für die Aufnahme der strahlenden Abfallbehälter; das Stollensystem erinnert in seiner Anlage an die Bohrgänge des „Buchdrucker-Borkenkäfers“ in den von ihm befallenen Bäumen.

Diese Auslegung ist auch für eine auf dem Niveau industrieller Reife effizient und strahlengeschützt umsetzbare Rückholung des Abfallguts fundamental. Denn die Behälter mit der hochradioaktiven Fracht verbleiben bereits während ihrer unterirdischen Verfrachtung bis hin zur Einmündung in die seitlichen Stummelstollen in den gepanzerten Transportgefährten, welche das Personal vor Strahlenbelastung abschirmen. Dies gilt aber auch reziprok im Bedarfsfall für die Rückholung der Behälter, als unabdingbare Voraussetzung einer glaubwürdigen Reversibilität der Lagerung.

Im höchsten Masse vertrauensbildend erweist sich in diesem Kontext die vorzeigbare und einleuchtende Erprobung der Handlungsabläufe bis hin zum Routinevorgang. Grundsätzlich ist das Publikum jederzeit willkommen, soweit dies im Rahmen der strengen Sicherheitsvorgaben einer Schacht- und Stollenanlage in mehreren hundert Metern Tiefe zugelassen werden kann.

Denn allein schon das Forschen und Erproben in diesen Tiefen und im Massstab 1:1 ist sicherheitstechnisch anspruchsvoll. Die Anzahl Personen, die sich gleichzeitig im Stollensystem aufhalten können ist streng begrenzt durch die Rettungsmöglichkeiten, insbesondere in den Schachtanlagen. Auch diese Erfahrungen sind hinsichtlich einer späteren Betriebs- und Einlagerungsphase wesentliche Grundlagen des zu erarbeitenden umfassenden Sicherheitskonzepts.

 

Schlussbetrachtungen

 

Frankreich ist mit dem Felslabor der Andra in Bure sowie dem konzeptuell wohl durchdachten Projekt Cigéo zielgerichtet auf dem Weg einer Lager-Realisierung, welche sich auf solide Erprobung von in absehbarer Zeit industriell reifen Abläufen stützen kann.

Davon ist die Nagra mit ihrem Konzept der hintereinander eingelagerten Behälter in bis fast einen Kilometer langen, nur knapp 3m engen Stollen noch um Welten entfernt. Warum klammert sie sich an dieses technisch kaum umsetzbare Konstrukt? Man stelle sich nur einmal vor, mit welchem Aufwand und unter welcher Strahlenbelastung die Rückholung der Behälter verbunden sein würde. In Frankreich hätte dieses Konzept jedenfalls nicht den Hauch einer Chance für die Betriebsgenehmigung. So oder so darf man gespannt sein auf eine Demonstration der Nagra, wie schon der Einlagerungsvorgang, geschweige denn die reibungslose Rückholung, im Massstab 1:1 unter strikter Einhaltung der Strahlenschutz-Vorgaben vor sich gehen soll …

 

Soweit zu den Aspekten, welche sich auf den geologischen Untergrund beziehen. Doch wie sieht es bezüglich der Oberflächen-Infrastruktur aus?

Die Sicherheit dieser Anlagen (Betrieb, Personal, Sabotage, Datensicherung, Unfälle, Bewachung) erfordert sowohl eine Grosszügigkeit der Anlagen (Fläche, Erschliessung mit Bahn, bauliche Ausstattung einer Atomanlage für das Öffnen und Umpacken der Lagerbehälter aus Zwischenlagern) und eine Isoliertheit (freie Fläche rundherum). Die Sicherheit muss sowohl auf Unfälle als auch auf Terror und Kleinkriege während der Dauer bis zum endgültigen Verschluss des Tiefenlagers ausgelegt sein. Wenn man die Anlagen in Frankreich mit den geplanten Anlagen bei Villigen und Riniken vergleicht, bestehen mehr als ernsthafte Zweifel, ob überhaupt genügend Platz (quasi zwischen Wald und Dorf) für sichere und verteidigbare Anlagen bei Unfällen, Terror und Kleinkrieg vorhanden sind. Der Aargau will bevölkerungsmässig weiter wachsen. Die Risiken und die Anzahl der betroffenen Personen bei Evakuierungen nehmen zu. Frankreich zeigt: Alle ausserhalb der von Wachmannschaften gesicherten Zäune liegenden Gebäude und Einrichtungen sind bei Angriffen gefährdet. Wer entscheidet in der Schweiz im Konfliktfall über Massnahmen und wer setzt diese (gegen die Bevölkerung) durch? Der Bundesrat mit der Armee? So wie Nagra und Bundesbehörden über „Sicherheit“ kommunizieren, betrachten sie nur die politisch-gesellschaftlich labile Schönwetterlage der Gegenwart.

Und die radiologischen Risiken für die Bevölkerung? In Frankreich wird ein umfassendes Umweltmonitoring auf einer Fläche von 900 km2 eingerichtet. Umweltüberwachung und Beweissicherung, dass an der Oberfläche durch das Tiefenlager keine Veränderungen/Belastungen feststellbar sind. Wie soll rund um den Bözberg überwacht und festgestellt werden? So etwas ist in der dicht besiedelten, genutzten und übernutzten Landschaft im nördlichen Aargau gar nicht möglich.

Abschliessend ein Gedanke zur personellen und v.a. finanziellen Absicherung der über ein Jahrhundert erforderlichen Überwachungs-Aktivitäten: Frankreich produziert ungleich grössere Abfallmengen und denkt offenbar noch lange nicht über einen „Ausstieg“ aus der Kernenergie-Anwendung nach. Daraus ergibt sich faktisch eine voraussichtlich viel längere „Nutzungsdauer“ mit weitergehender Finanzierung und stabilen Beständen an Fachpersonal. Es stellt sich die Frage: Ist die Schweiz überhaupt in der Lage, über die von der Nagra vorgesehene Zeit des Lagerbetriebs (rund 100 Jahre bis zum Verschluss, angeblich von 2060 bis 2160), die notwendige Sicherung der Oberflächenanlagen und die nachfolgende Überwachung überhaupt zu „stemmen“. Die Atomkraftwerke sind dann mutmasslich längst abgestellt, die Karrieren der „Atommüllhüter“ wenig attraktiv, die Fallzahlen klein und der Aufwand an Infrastruktur für die „Kleinmengen“ unverhältnismässig hoch. Solche Überlegungen führen beispielsweise bei Spitälern über kurz oder lang zu Schliessungen.

Bericht: André Lambert und Heiner Keller, Fotos: Heiner Keller, Redaktion: Theo Sonderegger

 

Links zum Blog „nuclear waste“:

In deutscher Sprache:

https://www.nuclearwaste.info/glaubwuerdig-frankreich-setzt-auf-die-rueckholbarkeit-seiner-hochaktiven-abfaelle-eine-studienreise-ins-felslabor-der-andra-in-bure-dept-meuse-haute-marne/

 

In englischer Sprache:

https://www.nuclearwaste.info/france-pioneering-in-credible-reversibility-of-high-level-waste-a-trip-to-the-andra-rock-laboratory-in-bure-dept-meuse-haute-marne/

Bericht über Referat von Prof. Wildi mit Folien

Professor Wildi berichtet der Versammlung, dass die Standortsuche für die Lagerung von radioaktiven Abfällen in der Schweiz vor rund 70 Jahren begann, 1949. Er erinnere sich als damaliger Student an Sondierbohrungen im Winter 1969/1970 im Aargau für schwach radioaktive Abfälle. Nach damaligem Fahrplan sei geplant gewesen, das Endlager 1990 zu eröffnen. Heute sei er der Überzeugung, dass er die Eröffnung des Endlagers nicht mehr erleben werde. Prinzipiell sei man heute im Jahr 2019 gleich weit wie damals in den frühen 1980er Jahren. Damals hätten schon Probebohrungen  in Riniken und Schafisheim stattgefunden.

Weltweit belaufe sich der hoch radioaktive Abfall auf rund 12‘000 Tonnen nach aktuellen statistischen Erkenntnissen. In der Schweiz würde der seit Aufnahme des Betriebs aller Kernkraftwerke (KKW) insgesamt entstandene (hoch-, mittel- und schwachaktive) Abfall ungefähr die Bahnhofhalle des Hauptbahnhofs Zürich mit ca. 100’000 Kubikmeter füllen. Dieses entspreche rund 0,5 % der weltweiten Produktion der Abfälle aus der „friedlichen“ Nutzung von Atomenergie durch die Schweizer KKWs.

 Relevant sei aber nicht die Quantität der Abfälle, sondern deren Toxizität. Weltweit habe man sich auf eine einheitliche Strategie des Umgangs mit dem Abfall, wie sich herauskristallisiert, geeinigt: Die geologische Endlagerung. Dieses sei die offizielle Version.

 Was man hingegen wirklich mache, sei Zwischenlagerung. Dieses sei auch in der Schweiz der status quo. Es sei unbekannt, wie  lange dieser Zustand dauern werde.

Es bestehe ansatzweise eine Alternativstrategie: Die Transmutation von hochaktiven Abfällen. Die Umwandlung von Atommüll zu dessen Entschärfung. Momentan werde das nicht aktiv weiter verfolgt.

Es bestehe weiter ein internationaler Konsens, dass jedes Land seinen eigenen Atomabfall zu entsorgen habe. Derzeit bestehe ein einziges geologisches Endlager weltweit: in Finnland; es habe jedoch noch keine Betriebsbewilligung. Es biete Platz für den Abfall von 5 finnischen KKWs. Diese Menge sei vergleichbar mit derjenigen der Schweiz. Das Problem dabei sei, dass die Schwedische Justiz die  Kupfer-Ummantelung der Abfallbehälter  bis auf weiteres ausgesetzt habe. Grund dafür seien gravierende materialtechnische Fragen; diese „Lösung“ sei daher derzeit blockiert. Deswegen gehe es auch in Schweden nicht vorwärts. Ein weiteres Problem sowohl in Schweden wie in Finnland sei, dass das geologische Endlager in zerklüftetem und daher wasserdurchlässigem Granit liege. Frankreich habe ein eher aussichtsreiches laufendes Verfahren für ein Endlager in Bure (Dept. Haute-Marne); hier besteht das Wirtgestein, so wie im schweizerischen Referenzkonzept, aus einem geringdurchlässigen Tongestein. Die USA müssten nach Rückschlägen wieder praktisch von vorne beginnen. In Deutschland sei es genauso.

Die Schweizer Behörden planten die Fertigstellung des Endlagers für das Jahr 2050 (schwach- und mittelaktive Abfälle (SMA) sowie 2060 für die hochaktiven Abfälle (HAA). Der Termin verschiebe sich allerdings stets kontinuierlich weiter in die Zukunft.

 Die Schweizer Lösung sehe Endlager in einer Tiefe von rund 500 m – 900 m vor. Das Wirtgestein sei die Formation des Opalinustons. Eine Maxime des Konzepts in der Gestaltung des Tiefenlagers sei die Möglichkeit, dass künftige Generationen die eingelagerten Abfallbehälter weiter überwachen und gegebenenfalls wieder zurückholen könnten.Die konkrete Ausgestaltung der Lagerung von HAA nach dem aktuellen Schweizer Konzept entspreche allerdings in etwa dem bald 50-jährigen schwedischen Konzept aus den 1970er-Jahren. Man wolle die verbrauchten Brennstäbe in Behälter aus Stahl-Zylindern in Stollen einlagern, die vorgängig aus dem Ton des Wirtgesteins herausgefräst worden wären. Allmählich  würde sich der Ton infolge der Bergfeuchte aufblähen (quellen) und dadurch die zylindrischen Behälter in den Stollen dicht versiegeln, so dass auch dort kein Wasser reinkomme. Problematisch sei der Umstand, dass Ton plastisch werde beim Kontakt mit Wasser. An sich sei Ton wegen seiner selbstabdichtenden Eigenschaften ein sehr geeignetes Material. Diese Plastizität bei Wasserkontakt erschwere aber die Erstellung von begehbaren Stollen durch Maschinen und Menschen. Würden diese Stollen zu gross ausgestaltet, fielen sie früher oder später in sich zusammen durch den Kontakt mit Grundwasser. Für dieses Problem bestehe noch keine robuste Lösung.

 

Abgesehen davon handle es sich um ein grundsätzlich „charmantes“ Konzept. Das Problem sei, dass es schwer umsetzbar sei. Die sich aus technisch-wissenschaftlicher Sicht stellenden Probleme würden weder seriös wahrgenommen noch gründlich angegangen. Das Ausmass der Langzeit-Korrosion der Stahlzylinder sowie das Verhalten der Bentonit-Verfüllung seien zu wenig untersucht.

Es fehle sowohl bei den Entsorgungspflichtigen (Nagra) als auch bei den Behörden (Ensi, BfE) der Wille, die offenen Fragen aus technisch-wissenschaftlicher Sicht überzeugend zu untersuchen und auf Langzeiteignung zu testen. Es bestehe quasi eine technische Blockade. Es gebe weder Fortschritte noch Verbesserungen. Dazu gesellen sich gravierende Defizite  bei der Organisation des ganzen Projekts im Sachplanverfahren.

 Das derzeit vom Bundesamt für Energie schwach geführte  Sachplanverfahren räume der  Sicherheit und den Risiken wenig Priorität ein. Es sei in erster Linie ein politischer Prozess. Dieser politische Prozess könnte letztlich ablenken von der möglichen Nicht-Eignung eines gewählten Standortes gemäss den wissenschaftlichen Kriterien. Politische Machbarkeiten könnten höher gewichtet werden als wissenschaftliche Sicherheitsüberlegungen.

Der Standort Bözberg weise zahlreiche mögliche Nutzungskonflikte im Gesteinsuntergrund auf. Frühere Bohrungen zeigten, dass ein hohes Potenzial an Kohle, Gas und vielleicht sogar Öl vorhanden sei. Eine spätere Ausbeutung dieser Ressourcen durch künftige Generationen könnte zu einem Absenken von Bodenschichten, ggf. zum ungewollten Durchbohren endgelagerter Substanzen führen. Bund und Nagra sehen die „Lösung“ dieses Konflikts in einem rechtlichen Verbot der Ausbeutung. Doch das Lager mit hochaktiven Abfällen habe einen zeitlichen Horizont von mehreren zehntausend Jahren. Es könne realistischerweise aus rechtlicher Sicht nicht über einen solchen Zeitraum und über zahlreiche Generationen  sichergestellt werden, dass eine solche  Regelung fortbestehe und ggf. auch rigoros durchgesetzt würde. Verbote könnten auch wieder aufgehoben – oder ganz einfach „vergessen“ werden. Daher sei der Bözberg als HAA-Standort ungeeignet. Auch sei eine Interferenz möglich mit Transportwegen und mit der Zementindustrie  (Abbauvorhaben in Steinbrüchen). Dieses sei auf dem Bözberg durchaus  realistisch.

 Zudem bestünden  geologische Strukturen mit tektonisch gestörten Zonen. Allein aufgrund dieser Tatsache sei die Langzeit-Sicherheit des Standorts Bözberg fraglich.

Die Finanzierung des Endlagers und der Weg dorthin sei  im Jahr 1983 auf  rund zwei Milliarden Schweizer Franken geschätzt worden. Im Jahr 2019 sei man inzwischen bei 25 Milliarden Schweizer Franken angekommen. Die Schätzung sei linear gestiegen mit jedem weiteren Arbeitsschritt und mit immer neu hinzugekommenen Erkenntnissen über Problemstellungen und deren Auswirkungen auf die Gesamtkosten. 2020 beginne der Rückbau des KKW Mühleberg. Daraus könnten weitere Hinweise auf zusätzliche Kosten entstehen. Es könnte noch viel, viel teurer werden.

 1969 wurde das erste KKW in der Schweiz ans Netz genommen und das letzte 1983. Seit ca. 80 Jahren werde in der Schweiz die Atomkraft genutzt. Die Hälfte der aktuell geschätzten Endkosten von rund 25 Milliarden Schweizer Franken sei momentan gedeckt (Entsorgungsfonds). Der Rest sei noch nicht angespart worden.

 Ereignete sich ein grosser Unfall in nächster Zeit in Europa, müsste mit einer sofortigen Stilllegung aller KKWs in der Schweiz gerechnet werden. Dann entfiele weiterer Gewinn und folglich  weitere Ersparnis für die restlichen 12,5 Milliarden Schweizer Franken. Diese müssten dann durch die öffentliche Hand finanziert werden.

 

Ethisch betont zwar die aktuelle Planungsorganisation, Sicherheit für Mensch und Umwelt zuoberst auf die Agenda zu schreiben. Handlungsziel sei, das Problem so zu lösen, dass künftige Generationen, falls diese eine Lösung für die Abfallproblematik fänden, das Endlager wieder „rückholen“ könnten. Auch werde mit der Lösung durch unsere Generation das Verursacherprinzip bestmöglich umgesetzt.

 Die Realität zeigt jedoch, dass dieses Verursacherprinzip derzeit ohnehin nicht eingehalten werde und auch nicht mehr eingehalten werden könne. Man habe sich das „Ei bereits gelegt“ für die bestehende und künftige Generationen. Die Finanzierung sei nicht sichergestellt. Eigentlich sei das völlig inakzeptabel. Man lebe derzeit in einer kollektiven Mitschuld, ähnlich wie beim Klima. Wir seien diesbezüglich eine verantwortungslose Generation.

Politisch sei die Stimmung bezüglich der Endlager stark schwankend und abhängig von äusseren Faktoren. Ereignisse wie in Fukushima würden viel Dampf in den Kessel bringen. Nach einem solchen Ereignis sei dann der Dampf bald wieder weg. Betreiberfirmen der KKWs wie die Alpiq und die Axpo gehörten zwischenzeitlich praktisch vollständig der öffentlichen Hand. Betreiber der KKWs seien eigentlich die Kantone.

 Das Interesse in der Bevölkerung hinsichtlich der Endlager-Standortwahl habe abgenommen. Der Druck sei weg. Es bestehe eine unklare Zukunft. Vielleicht fänden wir gar keine Lösung mehr in diesem Jahrhundert. Die letzten 50 Jahre Arbeiten auf diesem Thema hätten eigentlich zu praktisch nichts geführt. Man habe nichts erreicht. Das Thema habe zudem an Aktualität eingebüsst auf der politischen Agenda. Erschwerend komme hinzu, dass auch die aktuelle Stossrichtung aus wissenschaftlicher Sicht fraglich sei. Die derzeit geplanten Sondierbohrungen bringen aus seiner Sicht wenig Neues, insbesondere bezüglich der drängenden Fragen zu den akuten Nutzungskonflikten im tiefen Untergrund. Es werde absichtlich nicht tief genug gebohrt. Das Projekt in Frankreich sei erfolgsversprechender: Überzeugendes Einlagerungskonzept, keine Nutzungskonflikte mit Kohlenwasserstoff-Ressourcen im Untergrund, tektonische Stabilität (Erdbeben) etc.

Das Referat wird mit grossem Applaus durch die Versammlung verdankt. Der Präsident bittet um Erläuterungen zur Folie mit dem Profil zum Querschnitt der Gesteinsschichten im Kanton Aargau vom Rhein bis zum Hallwiler-See. Prof. Wildi nimmt detailliertere Erläuterungen vor. Er gibt auch zu bedenken, dass die Bohrtechnik in den letzten Jahren starke Fortschritte gemacht habe und mit einer Tiefe von 500 m – 900 m selbst das Risiko von terroristischen Motiven nicht ausgeschlossen werden könne. Mit aktueller Bohrtechnik könne man in rund einer Woche bis auf diese Tiefe vordringen.

Vorstandsmitglied Theo Sonderegger bittet um weitere Erläuterungen zum internationalen Ansatz. Prof. Wildi betont, dass die USA ursprünglich den „Lead“ hatten. Allerdings zeichnete sich dann eine Art Konsens ab, dass jedes Land eigenverantwortlich den eigenen Atommüll beseitigen solle. Aus wissenschaftlicher Sicht sei dieses Verhalten unvernünftig, weil der global bestgeeignete Standort gefunden werden sollte. Die Suche sollte nicht in einzelnen Ländern nach politischen Zuteilungen der Territorialität stattfinden. Die Wahl nach dem sichersten und dem bestgeeigneten Standort sollte aus wissenschaftlicher Sicht weltweit ohne Einschränkung von Landesgrenzen stattfinden. Es sei insbesondere rücksichtlich der kriegerischen Veränderungen von Territorien und Ländern in den letzten tausend Jahren fragwürdig, ob das aktuell verfolgte Konzept der Eigenverantwortung der einzelnen Länder über tausend Jahre hinweg eine sinnvolle Lösung sei.

Ein namentlich nicht bekannter Herr aus dem Publikum erkundigt sich, ob die Förderung von Kohle realistischerweise wieder aktuell werden könnte. Prof. Wildi vertritt die Auffassung, dass sich eine Tendenz abzeichne, künftig wieder Kohle aus Gesteinsschichten zu fördern. Das sei denkbar. Die Technik habe sich in diese Richtung entwickelt und entwickle sich derzeit weiter. Zwar sei Afrika für diese Kohleförderung in der Tiefe besser geeignet, da es weniger warm sei im Untergrund als in Europa. Hierorts nehme die Temperatur um 30 °C pro Kilometer Richtung Erdinneres zu. In Afrika seien es  ca. 20 °C.

Der Präsident bittet um Erläuterungen zu den aktuellen Ansätzen von China und USA, mit neuen Techniken die Energiegewinnung aus Atomenergie schonender und mit weniger Abfall zu gestalten. Prof. Wildi meint dazu, es sei nur schwer zu prognostizieren, in welche Richtung diese  Entwicklung führe. Sicher seien wirtschaftliche Motive im Vordergrund.

Ein namentlich nicht bekannter Herr erkundigt sich nach Versuchen des Paul-Scherrer-Instituts (PSI) zur Transmutation (Umwandlung von Radionukliden). Gemäss Prof. Wildi hätten diese Versuche mit kleinsten Materialmengen stattgefunden, sie seien bisher ergebnislos geblieben.

Mitglied und Pressevertreter Peter Belart erkundigt sich, welches aus Sicht von Prof. Wildi nun die geeignete Lösung sei. Dieser bittet um die nächste Frage. Es bricht Gelächter aus. Ernsthaft erläutert Dr. Wildi, dass man nicht viel weiter sei, als  zu Beginn der Überlegungen zur nuklearen Entsorgung. Der Umgang mit der Atomenergie sei ein grober Zivilisationsfehler. Es bestehe nach seiner Meinung keine „Lösung“. Man müsste aus seiner Sicht eine neue Auslegeordnung vornehmen. Man habe sich 50 Jahre lang in die falsche Richtung bewegt. Ein Neustart wäre sinnvoll. Aus seiner Sicht sollten die Landesgrenzen überwunden werden, um Lösungsansätze international verfolgen zu können. Ein schlechter Standort (z.B. auch in der Schweiz) könne die Sicherheit anderer Länder gefährden. Dafür bestehe allerdings im Moment international keine Einsicht. Man müsste mit den Nachbarn reden.

Eine Person nimmt Anstoss daran, dass sie durch Vertreter der Organisation der Standortwahl orientiert worden sei, der Standort Bözberg sei „sicher“. Sie glaube dieses nicht. Prof. Wildi bestätigt, dass Prognosen wiederholt verfrüht gemacht worden seien und werden. Der aktuelle Prozess sei weitgehend  politisch gesteuert statt wissenschaftlich-technisch. Die Standortfindung sei degradiert worden zu einer administrativen Leistung im Sachplanverfahren. Die Sicherheit sei in den Hintergrund gerückt. Auch wenn von „offizieller“ Seite jeweils das Gegenteil beteuert werde.

Der Präsident leitet über, dass diese Feststellung von Prof. Wildi exakt der Wahrnehmung von Pro Bözberg und seinem Vorstand entspreche. Die Haltung sei, dass Sicherheitskriterien imperativ vor politischer Machbarkeit stehen müssen. Dr. Wildi bestätige, dass hier der Verein sich weiter in diese Richtung engagieren solle.

 

Bericht erstellt vom Vereinsaktuar: Raphael Haltiner, redigiert durch André Lambert und Theo Sonderegger

Bund und Nagra rücken Villigen ins Fadenkreuz – und damit den Bözberg auf die Pole Position?

 

 

Atomendlager: Die Standortfrage spitzt sich zu

Noch kurz vor Ende ihrer bundesrätlichen Magistratur konnte Doris Leuthard eine lästige Pendenz erledigen, die ihre Uvek-Beamten – blindlings den Nagra-Strategen vertrauend – schon mal anderthalb Jahre früher terminiert hatten: Den Entscheid des Bundesrats zur Etappe 2 im „Sachplan geologische Tiefenlager“ (SGT) und damit den Start zur Etappe 3. Für die Region des Bözbergs, für den Kanton Aargau und für seine Regierung bedeutet dies: Wachsamkeit auf allen Stufen!

Ein Blick in den Rückspiegel

Das nichts aussagende Wortkonstrukt „Geologische Tiefenlager“ verbrämt den zwar negativ konnotierten dafür die Sache beim Namen nennenden Begriff „Atom-Endlager“. Denn darum geht es. Nach wie vor. Seit 40 Jahren.

„Wann ist das Endlager bezugsbereit?“, fragten Journalisten vor 37 Jahren den ersten Nagra-Chef Rudolf Rometsch, worauf dieser orakelte: „Um die Jahrtausendwende.“ Stattdessen folgte bereits 1988 mit der Bruchlandung des Projekts „Gewähr“ das amtlich besiegelte „Aus“ für das kristalline Grundgebirge (aus Granit und Gneis) als Endlager-Wirtgestein. Ein Schleier des Schweigens legte sich auf das terminiert „bezugsbereite“ Endlager.

Zu allem Übel sagte dann das Stimmvolk von Nidwalden zweimal „Nein danke!“ zum Wellenberg. Und als 2002 die Nagra unter dem Zeit- und Kostendiktat ihrer Verwaltung das Zürcher Weinland aufgrund nur einer Bohrung handstreichartig zum Endlager-Standort erklären wollte, gelang dem aus seiner Lethargie jäh aufgeschreckten Uvek-Chef Moritz Leuenberger ein überraschend schlauer Schachzug: Er zauberte den eingangs erwähnten Sachplan geologische Tiefenlager (SGT) aus dem Hut und dispensierte sich damit gleich selbst in elegantester Weise und bis zum Ende seiner (damals noch nicht absehbaren) Amtszeit von jedem Entscheidungszwang im ungeliebten „Endlager-Dossier“. Denn mit dem „Sachplan“ sollte die Standortsuche mit anpassbaren Kriterien neu aufgegleist werden: Zurück auf Feld eins!

Also startete 2008 das SGT-Verfahren unter „Führung“ des Bundesamts für Energie (BFE) mit einer so unübersehbar verflochtenen wie unkontrolliert wuchernden Entourage von Gremien, Kommissionen, Foren, einem Inspektorat, Regionalkonferenzen, Beiräten, Ausschüssen, Experten, Gegenexperten usw., usf.

Pikanterweise – weil überraschungsfrei vorhersehbar – steht nun nach einer Sachplan-Dekade und Tausenden von Berichts-, Gutachten- und Expertisen-Seiten fest, dass die wenigen noch „im Rennen“ verbleibenden Gebiete und Gesteine identisch sind mit den „Optionen“, welche die Nagra bereits im Jahr 2005 als „präferenziell“ deklariert und publiziert hatte (Nagra 2005). So steht die Nagra also da, wo sie sich diese millionenteure Ehrenrunde mit ihrem Vorprellen im Zürcher Weinland vor 17 Jahren gleich selber eingebrockt hatte.

Mittlerweile ist Moritz Leuenberger als Mitglied des Bundesrats eine Randnotiz im Geschichtsbuch, Doris Leuthard seit ein paar Wochen ebenso. Letztere konnte in extremis noch die Sachplan-Etappe 3 einläuten. Demzufolge sollen nun also – hinsichtlich eines gemäss Kernenergie-Gesetz einzureichenden Rahmenbewilligungsgesuchs (RBG) für ein (oder zwei) Endlager – die Gebiete Nördlich Lägern, Bözberg und Zürcher Weinland weiter untersucht werden. Zuvor hatte zwar die Nagra noch einmal versucht, auf windschiefer Faktenlage das Gebiet Nördlich Lägern zeit- und aufwandsparend aus dem weiteren Verfahren zu kippen – vorzeitig und möglichst geräuschlos. Doch solchen Hauruck mochten die Fach-Experten der Kantone nicht goutieren und zwangen die Nagra mit sachlich solid verstrebter Argumentation, auch dieses Gebiet weiterhin in ihre Erkundungen einzubeziehen. Dass das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) erst nach Kenntnisnahme der kantonalen Experten-Befunde gar nicht mehr anders konnte, als sich der Forderung der Kantone anzuschliessen, lässt zumindest auf diesem Sachgebiet Zweifel an der Fach-Kompetenz dieser Aufsichtsbehörde aufkeimen.

Sachplan Etappe 3: Startrampe zur Rahmenbewilligung

Gemäss den Konzepten der Nagra für die Standortuntersuchung in SGT-Etappe 3 (Nagra 2014a) soll  „die Datengrundlage bis zum Rahmenbewilligungsgesuch vollständig erarbeitet werden“. Es geht also um die Wurst, denn mit einer erteilten Rahmenbewilligung würde der Standort eines Endlagers als atomare Anlage nach Kernenergierecht festgelegt.

Als Eckpfeiler ihrer Explorationsstrategie hat die Nagra in allen drei verbleibenden potenziellen Standortgebieten eine Serie von Gesuchen für Tiefbohrungen eingereicht. Befunde und Erkenntnisse aus diesen Bohrungen sollten dann mit den Ergebnissen der 3D-seismischen Erkundung kombiniert und in ein räumliches geologisches Modell der Struktur und des Schichtaufbaus integriert werden. Dies ist die unverzichtbare Grundlage, um in einer umfassenden Geo-Synthese die Gegebenheiten des Gesteins-Untergrundes und seine mögliche Eignung für die langzeitsichere Aufnahme eines Endlagers beurteilen zu können.

Soweit so nachvollziehbar. Doch als Zäsur von inhärent gesellschaftspolitischer Brisanz zeichnet sich am Planungshorizont die Bekanntgabe ab, für welchen Standort (oder welche Standorte) die Nagra ein Rahmenbewilligungsgesuch vorbereiten will. In ihren ursprünglichen, auf habitueller Wunschprojektion beruhenden Planungen hatte die Nagra diesen „Meilenstein“ bereits einmal für das Jahr 2019/20 als „provisorische Standortwahl“ kundgetan (Nagra 2014b)

Dieses einmal mehr als provokativ empfundene Powerplay stiess namentlich auch beim Ausschuss der Kantone (AdK) auf Ablehnung. Er kritisierte in seiner Stellungnahme zu Etappe 2 vom September 2017:

„Faktisch erfolgt mit diesem Schritt die Standortwahl für ein oder zwei Tiefenlager. Entscheidungsgrundlagen und Auswahlargumente müssen wissenschaftlich-technisch fundiert sein; dies bedingt zumindest in den Grundzügen frühzeitig deren Begutachtung, damit das Risiko eines Fehlentscheids – und damit das Misslingen des Sachplans – minimiert werden kann.“

 

Unabhängig davon reichte der Vorstand des Vereins „Pro Bözberg“ dem „Technischen Forum Sicherheit“ im September 2017 formell eine Frage zu dieser politisch heiklen Präzedenz der Standortwahl ein.

Wie aus den darauf eingegangen Antworten der zuständigen Behörden (BFE, Ensi) zu entnehmen ist, erkannten diese immerhin den politischen Zündstoff: Denn die Nagra hat zugesichert, ihren internen Entscheid nicht nur öffentlich bekanntzumachen sondern mit einem begleitenden Bericht zu begründen. Mehr nicht.

 

Daher gilt es für die Bevölkerung des Bözbergs, die weitere Entwicklung mit Argusaugen zu verfolgen und sowohl auf Verfahrenstransparenz und propagandafreie Information über die nun anlaufenden Felduntersuchungen (namentlich Tiefbohrungen) zu bestehen.

 

Aargauer Regierung lehnt das Endlager weiterhin ab

Auch die Regierung des Kantons Aargau hat in ihrer Stellungnahme zum Start der 3. Sachplan-Etappe ihre grundsätzlich ablehnende Haltung gegen den Standort Bözberg bekräftigt (Kanton Aargau 2018). Zu ihren wichtigsten Bedenken zählen mögliche Beeinträchtigungen der Grund-, Mineral- und Thermalwassernutzungen. Ausgesprochen kritisch äussert sich der Regierungsrat zur örtlichen Wahl und raumplanerischen Vor-Festsetzung der sogenannten Oberflächenanlagen.

Denn im angeblich „ergebnisoffen und sicherheitsgerichtet geführten“ Sachplan-Verfahren haben Bund und Nagra den Standort Villigen für die Atommüll-Verpackungsanlage bereits als Zwischenergebnis im Sachplan festgesetzt, statt erst als Vororientierung. Gegen diesen raumplanerischen Stosstrupp aus Bern protestiert die Aargauer Regierung folgerichtig. Denn damit würde das atomare Kuckucksei faktisch ins nuklear vorgeheizte Nest im unteren Aaretal gelegt, bevor die Standort-Erkundung in allen Regionen überhaupt erst begonnen hat. Zudem würde der Bözberg als Endlagerstandort obligat auf die Pole-Position vorrücken, denn er liegt nur vier Tunnel-Kilometer vom Standort in Villigen entfernt. Mithin drängen sich die geografischen Opportunitäten offenkundig in den Vordergrund. Für den Kanton Aargau ist indes das Primat der Sicherheit unantastbar: die Regierung ist weiterhin gefordert – mehr denn je!

Ausschlusskriterien und internationaler Vergleich

Zusätzlich zu den geltenden Sicherheitskriterien gemäss „Konzeptteil Sachplan“ verlangt das Kernenergiegesetz (KEG Artikel 14) die vorgängige Festlegung von „Ausschlusskriterien, bei deren Nichterfüllung ein vorgesehener Lagerbereich wegen fehlender Eignung ausgeschlossen wird“.

Zudem erwartet Pro Bözberg, dass in einem grenzüberschreitenden (zumindest europäischen) Risikovergleich die auf internationaler Ebene anerkannten Kriterien angewendet werden. Darauf basierend sollen die länderspezifischen Sicherheitsunterschiede transparent aufgezeigt, entsprechende Schlussfolgerungen gezogen sowie ggf. in letzter Konsequenz Kurskorrekturen in der nuklearen Entsorgungspolitik der Schweiz vorgenommen werden.

Autor: André Lambert, Vorstand pro Bözberg

 

Referenzen

 

Kanton Aargau (2018): https://www.ag.ch/de/weiteres/aktuelles/medienportal/medienmitteilung/medienmitteilungen/mediendetails_97153.jsp

 

Nagra 2005: Darstellung und Beurteilung der aus sicherheitstechnische-geologischer Sicht möglichen Wirtgesteine und Gebiete. – Nagra Tech. Ber. 05-02

 

Nagra 2014a: Konzepte der Standortuntersuchungen für SGT Etappe 3. – Nagra Arb. Ber. 14-83

 

Nagra 2014b https://www.nagra.ch/data/documents/database/dokumente/$default/Default%20Folder/Publikationen/Infos/d_info42.pdf

Wie viel Kohle liegt unter dem Bözberg?

Wie viel Kohle liegt unter dem Bözberg?

Nagra und Ensi wollen es nicht wissen – aus „gutem“ Grund!

 

Ein Doppel-Flop

Der Champagner war schon kühlgestellt in jenem Frühsommer des Jahres 1983, als die Bohrkrone der Nagra-Sondierbohrung im zürcherischen Weiach, nahe der Aargauer Kantonsgrenze, in 990 m Tiefe das (früher Urgestein genannte) „Kristallin“ erreichen sollte: Granite und Gneise galten damals als das „einzig richtige“ Gestein für die Aufnahme eines atomaren Endlagers. Doch was die Bohrung dann – im Wortsinn – zutage förderte, war alles andere als solider Fels, sondern hunderte von Metern Sedimentgesteine (Sande, Silte, Tone). Und, um das Fiasko noch zu toppen, durchteufte die Bohrung in diesen Sedimenten wiederholt Kohleschichten: in der Summe 32 m mächtige Kohleflöze von teilweise ausgezeichneter Qualität. Erst 2 km unter der Erdoberfläche stiess die Bohrung endlich auf den Gneis des Grundgebirges: in solcher Tiefe ist ein Endlagerbergwerk technisch  nicht realisierbar. Es war der Anfang vom Ende der Option „Kristallin“ als Endlagergestein in der Schweiz. – Die Champagner-Korken knallten nicht.

Das räumliche Ausmass der Sedimentgesteine aus dem Erdzeitalter des Perms und des Karbons im Untergrund der Nordschweiz zeigte sich erst nach und nach in den Aufzeichnungen reflexionsseismischer Profilaufnahmen als Konturen gewaltiger, trogförmiger Vertiefungen, welche sich im Lauf der Erdgeschichte, nämlich am Ende des Paläozoikums (= Erdaltertum) entlang tektonischer Verwerfungen bis mehrere Kilometer tief in den kristallinen Sockel eingesenkt hatten (Abb. 1). Diese Erkenntnisse über die Ausdehnung des seither so genannten «Permokarbontrogs» waren neu. Die Nagra hatte es trotz gutgemeintem Rat unabhängiger Experten – in Selbstüberschätzung und vorauseilendem Zweckoptimismus – als verzichtbar erachtet, tiefreichende seismische Messungen vorgängig der millionenschweren Bohrungen durchzuführen. Dafür bekam sie die Quittung aus dem Untergrund.

Abb. 1: Geologisches Profil (NNW–SSE, nicht überhöht) durch die Bohrung Riniken, vom Rhein über den Jura zum Mittelland. Mit roten Linien sind tektonische Trennelemente dargestellt (Bruchstrukturen, Überschiebungen). Der im kristallinen Grundgebirge tektonisch eingesenkte Permokarbontrog (braune und graue Farben) ist bis mehrere Kilometer tief  (nach Pfiffner, 2009). Die rund hundert Meter mächtige Schicht des Opalinustons befindet sich innerhalb der Ablagerungsgesteine aus der erdgeschichtlichen Jurazeit (in der Abbildung mit blauer  Farbe bezeichnet). Die Bohrung Riniken  durchteufte diese Tonsteinschicht zwischen 331 und 451 m unter der Terrain-Oberfläche. Unter dem Bözberg verläuft die Obergrenze der Opalinuston-schicht, je nach den topographischen Gegebenheiten, im Tiefenbereich von 300 bis 400 m.

 

So musste die Nagra dann schliesslich ihre (ebenfalls auf das kristalline Grundgebirge fokussierte) Bohrung bei Riniken (1983/84) in 1800 m Tiefe abbrechen, mitten in den kilometermächtigen Perm-Sedimenten (Abb. 1).

Damit aber blieb – und bleibt! – die Frage unbeantwortet, ob in den tieferen Schichten des Karbonzeitalters, nicht auch noch Kohle und Kohlenwasserstoffe vorkommen.

 

Denn wie noch zu erläutern sein wird, führen nutzbare Rohstoffe im tiefen Untergrund gemäss den Sicherheitskriterien des Bundes in einen unlösbaren Nutzungskonflikt, weil ein Endlager über einer solchen Rohstoff-Ressource nicht gebaut werden darf. Dies ist in den Kriterienlisten des Sachplan-Konzeptteils mit akkurater Unzweideutigkeit  festgelegt.

 

Rohstoffe im Untergrund der Nordschweiz: Konsequenzen für Endlagerprojekte

Die Permokarbontröge erstrecken sich, soweit bekannt,  mit etlichen Verzweigungen räumlich verbreitet durch den tiefen Untergrund der Nordschweiz (Abb. 2). Sie gelten aufgrund gesicherter Erkundungsergebnisse als Regionen mit hohem Potenzial für das Vorkommen und die zukünftige Nutzung von Kohle und Kohlenwasserstoffen. Zudem stehen die potenziell Thermalwasser führenden Randstörungen der Tröge als bevorzugte Zielgebiete möglicher Nutzung von geothermischer Energie im Fokus prospektiver Interessen.

Hinsichtlich der nuklearen Entsorgung in geologischen Tiefenlagern wirft der Permokarbontrog (und namentlich sein potenziell nutzbarer Inhalt) in der Schweiz Fragen bezüglich von Interessenkonflikten und Risiken auf, welche die „Sicherheit der Endlagerung“ in Frage stellen.

Abb. 2: Vermuteter und teilweise gesicherter Verlauf der Permokarbontröge in der Nordschweiz sowie im Mittelland (entspricht der Basis des Schichtstapels von der Trias bis und mit Tertiär). In diskreten Umrissen erkennt man die von der Nagra vorgeschlagenen geologischen Standortgebiete. Die blaue Linie entspricht etwa dem Verlauf der Profilspur des geologischen Querschnitts in Abb. 1.

Das Konzept eines geologischen Endlagers basiert auf der Annahme, dass hochradioaktive Stoffe bis zu einer Million Jahre so sicher im geologischen Untergrund eingeschlossen werden, bis durch den Zerfall der radioaktiven Substanzen ihre Gefährlichkeit abgeklungen ist. Über diesen Zeitraum soll der Einschluss durch Abfallbeschaffenheit, Behälter, Stollenverfüllung und Gestein „wartungsfrei“ (d.h. ohne Sicherung und Bewachung durch Menschen) gewährleistet sein. Das bezeichnen Entsorgungsorganisationen wie die Nagra in diversen Ländern weltweit als „sicheres Endlager“. Doch die Sache hat einen Haken: Sollten nämlich in absehbarer oder weiter Zukunft lebende Gemeinschaften je auf den Gedanken kommen, noch während der nuklearen Abklingzeit nach Rohstoffen im Permokarbontrog zu suchen (Geothermie, Kohle, Gas, CO2– und Kohlenwasserstoff-Gasspeicherung im Untergrund) könnten sie ungewollt auf das Endlager stossen und radioaktiven Substanzen den Weg ins Freie öffnen.

In diesem Zusammenhang sind die „Beurteilungskriterien“ gemäss Konzeptteil des Sachplans geologische Endlager unmissverständlich formuliert (siehe Tabelle A1-8, Kriteriengruppe „Langzeitstabilität“ und „Nutzungskonflikte“; Bundesamt für Energie 2011):

„Beurteilt werden die nutzungswürdigen Rohstoffe und die sich daraus allfällig ergebenden Nutzungskonflikte. Insbesondere wird beurteilt, ob im oder unterhalb des Wirtgesteins … wirtschaftlich nutzungswürdige Rohstoffe (z. B. Salz, Kohlenwasserstoffe, Geothermie, Mineralquellen und Thermen) … vorkommen. Beurteilt wird …, ob die Erschliessung und Nutzung der Rohstoffe die Barrierenwirkung des Wirtgesteins beeinträchtigen (Schichtverletzung) oder das Lager direkt treffen könnte.
Günstig ist, wenn keine Rohstoffe, … innerhalb des Standortgebietes vorkommen.“

 

Fossile Kohlen und Kohlenwasserstoffe: Steinkohle und Erdgas

Die bisher erschlossenen Kohleflöz-Vorkommen liegen zwar in rund 1.5 km Tiefe, was ihre Nutzung gegenwärtig erschwert. Doch neuere Methoden der in situ Kohleflöz-Entgasung (Coalbed Methane, CBM) ermöglichen – allein durch Bohrungen – seit den 80er Jahren die Gewinnung von Kohlenwasserstoffen, ohne ihre aufwändige bergbautechnische Erschliessung bis in grosse Tiefen. Das Potenzial für Kohle und Kohlenwasserstoffe erstreckt sich über das gesamte Verbreitungsgebiet der Permokarbontröge. Diesen Befund belegt auch eine auf Erkundungsarbeiten der Nagra basierende  Karte  der potenziellen Kohlenwasserstoff-Ressourcen (vgl. Abb. 2), im Aargau auf einer Breite von 7-9 km Ost–West quer durch den Kanton (Eberhard 2016, Abb. 6).


Geothermie

Naturgegebene radioaktive Zerfallsprozesse im tiefliegenden Gestein des Erdmantels und der Erdkruste (z.B. die Transformation von Uran oder Thorium über verschiedene Nuklidstufen zu Blei) verlaufen exotherm, d.h. es wird Umgebungswärme produziert. Diese Wärme, die bis an die Erdoberfläche vordringt, wird unter dem Begriff Geothermie subsummiert. Je nach Beschaffenheit der Gesteinsschichten erfolgt der Wärmefluss infolge der unterschiedlichen Wärmeleitfähigkeit in abweichender Intensität (im Normalfall gilt als Faustregel eine Wärmezunahme von rund 3°C pro 100 m Tiefe). Doch an Bruchstellen der Erdkruste, wo der ursprünglich kompakte Gesteinsverband mechanisch durch Risse und Verwerfungen  geschwächt wurde, kann der geothermische Fluss lokal stark erhöht sein, namentlich wo zirkulierendes Tiefenwasser nach seiner Erwärmung auf bevorzugten Fliesspfaden beschleunigt den Weg als Thermalwasser Richtung Erdoberfläche findet.

Allein die Präsenz von drei bedeutenden Thermalwasser-Nutzungen auf dem Aargauer Territorium ( Schinznach, Baden, Zurzach) ist ein starkes Indiz für regional aussergewöhnlich hohen Erdwärmefluss. In der Tat ist das geothermische Potenzial aufgrund der geologisch-tektonischen Gegebenheiten im Aargau, insbesondere rund um den Bözberg, besonders vielversprechend. Wie neuere Untersuchungen zeigen (Medici & Rybach 1995), kann im Kanton Aargau mit Wärmestromdichten von über 130 Milliwatt pro Quadratmeter (mW/m2) gerechnet werden (Durchschnittswert in der übrigen Schweiz ca. 80 mW/m2). Dies wird hauptsächlich auf tiefgreifende tektonische Schwächezonen im Grundgebirge (Randstörungen des Permokarbontrogs) zurückgeführt sowie auf Brüche und Gesteinsüberschiebungen im Faltenjura (Eberhard 2016, Abb. 6 und 7). Verschiedene Machbarkeitsstudien befassen sich denn auch mit möglichen Nutzungen der Tiefengeothermie im Kanton Aargau. Namentlich im Bereich der Permokarbontröge, wo der kristalline Untergrund entlang der Randstörungen in die Tiefe sackte, sind die Voraussetzungen für die Nutzung der Tiefengeothermie in hohem Masse gegeben.

 

 Nagra und Ensi verschliessen Augen und Ohren

Jede Forderung, die  Nagra solle ihre vorgesehenen Sondierbohrungen im Bereich des Bözbergs bis auf den Grund des Permokarbontrogs vertiefen, um damit weitere Erkenntnisse über die kilometermächtigen  Sedimente aus der Perm- und  Karbonzeit zu gewinnen, wird von der Nagra und der Aufsichtsbehörde (Ensi) in gewohnter Einigkeit mit fadenscheinigen Argumenten abgewiesen. Man lese dazu beispielsweise die bagatellisierenden und in ihrer Absurdität stellenweise kaum zu überbietenden Formulierungen aus der Broschüre der Nagra “Ressourcen im Untergrund und geologische Tiefenlager – ein Konflikt?”

Darin ist u.a. zu vernehmen (Zitat): “Ist ein Tiefenlager errichtet worden, muss der Standort durch einen Schutzbereich gemäss Art. 40 Kernenergiegesetz vor anderen Nutzungen geschützt werden.” Sachdienlich präzisierend ergänzen wir: “… während der folgenden Million Jahre.”

Die Tatsache, dass sich heute offensichtlich sowohl Nagra als auch Ensi um die vertiefte Erkundung der Permokarbon-Vorkommen im geologischen Untergrund der evaluierten Lagerstandorte drücken, basiert also auf einem alles andere als ergebnisoffenen und daher fragwürdig-durchsichtigen Winkelzug. Denn die im Grundgebirge nachweislich, bzw. mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhandenen Rohstoffe kann man nicht einfach mit einem “Verbot” oder einer “gesetzlichen” Auszonung vor späterer Ausbeutung schützen. Allein schon der schlichte Befund – z.B. einer Geothermiebohrung, die auf mehr als nur Wärme stösst –, könnte den Tiefenlager-Sachplan-Dampfer in arge Seenot bringen.

 

***

Fazit: Das Ressourcen-Potenzial im tiefen Untergrund des Bözbergs muss nach dem Stand der Explorationstechnik abgeklärt und seine Nutzungswürdigkeit bis zu einem  Zeitraum von einer Million Jahre evaluiert werden, bevor ein Endlager-Projekt realisiert wird.

Alles andere untergräbt die Glaubwürdigkeit sowohl der Nagra als auch namentlich der Aufsichts- und Bewilligungsbehörden des Bundes bezüglich ihrer eigenen Beurteilungskriterien. Solange konkret absehbare Risiken nicht faktenbelegt ausgeschlossen werden können, ist ein Endlager ganz einfach nicht “langzeit-sicher” mithin gegebenenfalls gar gesetzeswidrig.

Sollte also die vorgängige Abklärung der Vorkommen von Kohle, Gas und eventuell Erdöl unterbleiben, ist auch davon auszugehen, dass die vom Parlament referendumsfähig erteilte Rahmenbewilligung in einer Volksabstimmung mit grosser Wahrscheinlich abgelehnt wird: Ein nuklearpolitischer Trümmerhaufen.

 

André Lambert und Heiner Keller, Mitglieder des Vorstandes

 

Referenzen

Bundesamt für Energie (2011): Konzeptteil Sachplan geologische Tiefenlager (Rev.)

http://www.bfe.admin.ch/themen/00511/01432/06821/index.html?lang=de&dossier_id=06900

Eberhard, M. (2016): Geothermie im Kanton Aargau. Aarg. Naturf. Ges. Mitt. 2016, Bd. 38: 81-112.

Medici, F. & Rybach, L. (1995): Geothermal map of Switzerland 1:500‘000 (Heat Flow Density). Beitr. Geol. Schweiz, Ser. Geophys. Nr. 30, Schweiz. Geophys. Komm.

Nagra.aus verantwortung (2017): ressourcen im untergrund und geologische tiefenlager – ein konflikt?

https://www.nagra.ch/data/documents/database/dokumente/$default/Default%20Folder/Publikationen/Broschueren%20Themenhefte/d_Faltblatt_Ressourcen_2017.pdf

Pfiffner, O.A. (2009): Geologie der Alpen. Haupt Verlag, Bern, Stuttgart, Wien. ISBN 978-3-8252-8416-9

Tiefenlager: Pro Bözberg ist besorgt

Tiefenlager: Pro Bözberg ist besorgt

Vorstand und Mitglieder von Pro Bözberg beobachten und analysieren mit kritischer Aufmerksamkeit sowohl die Planung, die Verfahren als auch die bisherigen Erfahrungen mit der „Entsorgung“ des Atommülls.

In seiner Stellungnahme vom 31. Januar 2018 zum „Sachplan geologische Tiefenlager“ (Etappe 2/3) an das Bundesamt für Energie forderte der Verein Pro Bözberg unter anderem:

  • Angesichts des Realisierungsplanes (Betriebsbewilligung Lager für hochradioaktive Abfälle HAA ab 2060), müssen zwingend auch Alternativen (neue technische Möglichkeiten) und konkrete Risikovergleiche für Mensch und Umwelt mit andern europäischen Endlagerkonzepten geprüft und beurteilt werden.“

Diese Forderung ist aktueller denn je. Denn gerade im internationalen Vergleich zeigen sich in praktisch allen, heute geplanten, begonnenen und den bereits dramatisch gescheiterten (!) „Endlagerprojekten“ gravierende Schwachstellen.

Eine Übersicht der derzeit weltweit bekannten Tiefenlager-Probleme und Endlager-Havarien findet sich im Blogbeitrag von „Nuclear Waste“ (20. Mai 2018):

http://www.nuclearwaste.info/von-der-geologischen-tiefenlagerung-zur-dualen-strategie/

Zudem gibt der Autor dieser Studie ein beachtenswertes TV-Interview:

http://shf.ch/index.php?huet-im-gsproech-14-mai-2018

Man muss sich vor Augen halten: Das Konzept des Tiefenlagers basiert auf der Annahme, dass die hochradioaktiven Abfälle für 1 Million Jahre sicher, unberührt und unberührbar hunderte Meter unter der Erdoberfläche vom Lebensraum ferngehalten werden können.

Das bereits dokumentierte und absehbare global-kollektive Fiasko erschüttert das Konzept der Tiefenlagerung in seinen Grundfesten: Es muss dringend und vorurteilslos einer grundsätzlichen Prüfung unterzogen werden – unter Einbezug sämtlicher Erfahrungen und Fehlentscheidungen –, in einer internationalen Auslegeordnung. Dies erfordert Zeit. Zeit, die man sich nehmen muss. Zeit, die aber ohnehin vorhanden ist, da die bisherigen Realisierungspläne alle um Jahrzehnte verzögert werden. Eine Aus-Zeit und neue Denkansätze aufgrund der Erfahrungen, der technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen sind ein Gebot der Stunde!

Die Tiefenlagerung von Atommüll auch gemäss heutigem Konzept von Nagra und Ensi treibt havariert in Schieflage. Es genügt nicht mehr, sich einfach hinter „Verfahren“ zu verschanzen, wenn die globalen Erfahrungen nicht annehmbare Risiken zeigen.

André Lambert und Heiner Keller, Mitglieder des Vorstandes

22. Mai 2018

Sachplan geologische Tiefenlager Etappe 2: Stellungnahme mit Anträgen zur Etappe 3

Verein Pro Bözberg gibt Stellungnahme mit Anträgen ans Bundesamt für Energie ab

Effingen, 29. Januar 2018

Sachplan geologische Tiefenlager Etappe 2: Stellungnahme mit Anträgen zur Etappe 3

Sehr geehrte Damen und Herren

„Pro Bözberg“ ist ein kantonal einsprache- und beschwerdelegitimierter Verein. Er begleitet das Sachplanverfahren mit kritischer Aufmerksamkeit, insbesondere die sachliche Nachvollziehbarkeit der Standortauswahl und die zeitliche Richtigkeit der Entscheide von Nagra und Bundesbehörden. In Übereinstimmung mit dem Kernenergiegesetz besteht Pro Bözberg darauf, dass bei der Standortwahl zur Tiefenlagerung radioaktiver Abfälle ausschliesslich Sicherheitskriterien gelten. Zu keiner Zeit dürfen weder politisch-wirtschaftliche Machbarkeiten noch geographische Opportunitäten (z.B. die Nähe zum Zwischenlager Würenlingen) oder Verfahrenschritte für definitive Entscheide relevant sein.

Im Rahmen der Anhörung nimmt der Verein Pro Bözberg (z.Z. 1780 Mitglieder), vertreten durch seinen Vorstand, hiermit Stellung zu den Ergebnissen von Etappe 2 SGT. Er stützt sich dabei auf die in seinen Vereinsstatuten festgeschriebenen
Zweckbestimmungen. Im genannten Zusammenhang relevant sind für den Verein Pro Bözberg folgende Themen und daraus abzuleitende Anliegen:

1. Erhalt und Pflege der Landschafts- und Naturwerte sowie der Erholungs- und Tourismusfunktionen in der Region Bözberg–Oberes Fricktal.
2. Erhalt und Pflege der ungeschmälerten Werte für die Thermalwassernutzung in der Region Bözberg–Schinznach–Brugg
3. Massnahmen gegen zusätzliche Verkehrs- und Lärmbelastung während SGTEtappe 3
4. Gleichbehandlung aller drei im Verfahren verbliebenen Standortregionen bezüglich Tiefgang und Qualität der geowissenschaftlichen Exploration und erforderlichem Kenntnisstand für die Standortwahl. Vorgabe entsprechender Ausschlusskriterien, die auch internationalen Standards genügen.
5. Angesichts des Realisierungsplanes (Betriebsbewilligung Lager HAA ab 2060), müssen zwingend auch Alternativen (neue technische Möglichkeiten) und konkrete Risikovergleiche für Mensch und Umwelt mit andern europäischen Endlagerkonzepten geprüft und beurteilt werden.

Pro Bözberg stellt dazu folgende konkrete Forderungen:

Zu 1.

Erhalt und Pflege der Landschafts- und Naturwerte sowie – damit einhergehend – der Erholungs- und Tourismusfunktionen in der Region Bözberg–Oberes Fricktal sind für die ökonomische und ökologische Weiterentwicklung der Region zentral. Sie dürfen durch ein Endlagerprojekt nicht geschmälert werden. Bereits die Fokussierung auf lediglich drei potenzielle Standorte und deren Untersuchung hat schon während der Etappe 3 negative Vorwirkungen: Mit der Perspektive als möglicher Endlagerstandort sinkt – offen wie unterschwellig – die künftige Investitionsbereitschaft in Erholungs- und Tourismusprojekte, einschliesslich deren verkehrsmässige Erschliessung.
Sowohl die geologischen Untersuchungen (Bohrungen usw.) als auch die absehbare Bautätigkeit (Zufahrten, Erschliessung, Schacht- und Stollenanlagen usw.) entfalten beeinträchtigende Vorwirkungen. Um diese auszugleichen, erwartet Pro Bözberg ab Beginn von Etappe 3 Vorschläge betreffend zeitgerechte Kompensations- und Ersatzmassnahmen. Solche dürfen nicht auf eine spätere Etappe der Umweltverträglichkeitsprüfung abgeschoben werden.

Zu 2.

Der Erhalt der ungeschmälerten Werte für die Thermalwassernutzung in der Region Bözberg–Schinznach–Brugg ist ein fraglos unverzichtbarer Aktivposten zur Weiterentwicklung der Region. Auch hier entfalten die Sachplanaktivitäten bereits in der Etappe 3 beeinträchtigende Vorwirkungen, insbesondere bezüglich dem Image der bestehenden Bäderanlagen und deren Weiterentwicklung. Es ist deshalb in Etappe 3 konkret aufzuzeigen, welche Massnahmen eine allfällige qualitative Beeinträchtigung und/oder quantitative Schmälerung der Thermalwassernutzung verhindern können (siehe auch Pkt. 4). Zur Beweissicherung ist eine regionale Überwachung der Thermalwasserzuflüsse in der Region Bözberg–Schinznach–Brugg zu installieren. Zudem sind Massnahmen aufzuzeigen und vorzubereiten, die bei einer entsprechenden Havarie ergriffen werden müssten.

Zu 3.

Bereits in der Etappe 3, welche gemäss aktuellem Zeitplan mindestens 13 Jahre lang dauern soll, ist mit erheblichen zusätzlichen Verkehrs- und Lärmbelastungen zu rechnen, bei Bohrarbeiten auch in der Nacht und am Wochenende. Dies stört nicht nur die Anwohner und erholungssuchende Besucher, sondern auch die Natur (Tiere werden durch Lärm und Lichteinwirkungen gestört, ev. vertrieben, möglicherweise sind wichtige Wildwechsel betroffen). Der Verein Pro Bözberg erwartet einen konkreten Massnahmenkatalog, der aufzeigt, wie diese Beeinträchtigungen minimiert und kompensiert werden sollen.

Zu 4.

In Etappe 3 verbleiben gemäss den fachlichen Beurteilungen des Bundes (Ensi) und der Kantone (AdK, AG SiKa/KES) noch drei potenzielle Standorte. Der Verein Pro Bözberg erwartet vom Bundesrat, dass alle drei Gebiete geologisch, hydrogeologisch und geophysikalisch gleichwertig untersucht, ausgewertet und auf vergleichbarem Kenntnisstand beurteilt werden. Dies bedingt namentlich, dass an allen drei Standorten die erforderliche, von der Nagra wissenschaftlich begründete Anzahl Tiefbohrungen durchzuführen ist. Auch sind die hydrogeologische Situation (oberflächennahe
Wasserkreisläufe und Tiefengrundwässer) sowie die quartärgeologischen (glaziale Tiefenerosion) und die seismologischen Langzeitrisiken durch geeignete Untersuchungen und Messreihen zu belegen und nicht lediglich mit numerischen Modellen darzustellen. Sollte die Nagra einzelne der von ihr wissenschaftlich begründeten, beantragten und behördlich bewilligten Bohrungen nicht durchführen wollen, ist dies von ihr sachlich zu begründen sowie vom Ensi und der AGSiKa/KES zu beurteilen. Andernfalls untergräbt die Nagra ihre Glaubwürdigkeit bezüglich des von ihr selbst formulierten Explorationskonzepts.

Seit der Nagra-Bohrung Riniken (1983/84) steht fest, dass das Grundgebirge unter dem Bözberg weitreichend aus mehrere Kilometer mächtigen Sedimenten des Karbon- und Perm-Zeitalters besteht. Diese Ablagerungen enthalten nachweislich (Bohrungen Weiach 1983 und 2000) Kohle- und Erdgasvorkommen. Daraus ergibt sich – zum ohnehin schon bestehenden Geothermiepotenzial – zwingend ein zukünftiger Nutzungskonflikt mit einem darüber (d.h. im Opalinuston) installierten Atommüll-Endlager. Die Nagra ist daher vom Bundesrat zu verpflichten, aufgrund adäquater Abklärungen (z.B.  Tiefbohrungen kombiniert mit Reflexionsseismik), die möglichen Nutzungskonflikte bezüglich der
Langzeitsicherheit eines Endlagers wissenschaftlich zu bewerten. Die Ergebnisse sind sodann von den Aufsichtsbehörden zu beurteilen.

Zu 5.

Zusätzlich zu den geltenden Sicherheitskriterien gemäss „Konzeptteil Sachplan“ verlangt das Kernenergiegesetz (Artikel 14) die vorgängige Festlegung von Ausschlusskriterien, „bei deren Nichterfüllung ein vorgesehener Lagerbereich wegen fehlender Eignung ausgeschlossen wird“.
Diese Ausschlusskriterien müssen:

  • wissenschaftsmethodisch mess- und kontrollierbar sein
  • dem international geltenden Standard entsprechen
  • neueste technische Entwicklungen berücksichtigen
  • Risikovergleiche mit andern europäischen Lösungen beinhalten.

Pro Bözberg vertritt die Auffassung, dass auch ein Risikovergleich betreffend Mensch und Umwelt erforderlich ist, der mindestens die geplanten europäischen Endlager mit einbezieht. Dabei sind die auf internationaler Ebene anerkannten Kriterien anzuwenden (siehe oben). Dadurch sollen die länderspezifischen Sicherheitsunterschiede transparent aufgezeigt und entsprechende Schlussfolgerungen für die nukleare Entsorgungspolitik der Schweiz formuliert werden.

Aufgrund der langen Realisierungspläne ist dafür genügend Zeit vorhanden. Vor diesem Hintergrund sieht Pro Bözberg keine Notwendigkeit auf rasche Standort-Entscheide zu drängen.

Der Verein Pro Bözberg erwartet eine angemessene Berücksichtigung seiner Anliegen im kommenden Bundesratsentscheid und eine fundierte Bearbeitung seiner Forderungen.

Freundliche Grüsse

Verein Pro Bözberg
Namens des Vorstands
Otto H. Suhner, Präsident    Dr. iur. René Müller, Beisitzer

Kopien:
– Stadt Brugg
– Kanton Aargau, Dept. BVU
– Bad Schinznach AG, Herrn Dir. Marcus Rudolf

>>> Vernehmlassung_Pro Bözberg_SGT-E2 (scan, pdf)

Öffentliche Vernehmlassung zum „Sachplanverfahren Geologische Tiefenlager Etappe 2“

Öffentliche Vernehmlassung zum „Sachplanverfahren Geologische Tiefenlager Etappe 2“

1. Februar 2018

Bitte machen Sie mit, geben Sie dem Bözberg in Bern ein Gewicht, nehmen Sie aktiv teil:
Öffentliche Vernehmlassung zum „Sachplanverfahren Geologische Tiefenlager Etappe 2“ beim Bundesamt für Energie BFE. Musterfragebogen bei www.pro-boezberg.ch herunterladen, ausfüllen und abschicken (Frist bis 9. März 2018).

Sehr geehrte Damen und Herren

Wie Sie wissen, lagern radioaktive Abfälle der Schweiz seit Jahrzehnten im Zwischenlager ZWILAG in Würenlingen. Der Vertrag mit der Gemeinde wurde vorläufig bis 2049 verlängert. Die eingeschlossene Strahlung stellt für Mensch und Umwelt noch für Jahrtausende eine Gefahr dar.

Mit dem komplizierten Verfahren „Sachplan geologische Tiefenlager“ versucht der Bundesrat die Einlagerung der gefährlichen Abfälle in Tonschichten rund 500 m unter der Erdoberfläche zu untersuchen, zu beurteilen, zu bewilligen und zu realisieren. Der Opalinuston unter dem Bözberg erfüllt nach heutigem Wissens- und Untersuchungsstand die Hoffnungen der Experten für die im Kernenergiegesetz (21. März 2003) verlangte „sichere Entsorgung“ durch die Verursacher.

Die bisher erarbeiteten Akten sind ausserordentlich umfangreich (mehrere 10‘000 Seiten). Es ist der Bevölkerung praktisch unmöglich, sich ein verlässliches Bild über die Gefahren und Auswirkungen eines allfälligen nuklearen Tiefenlagers für die Region zu machen. Deshalb ist es auch schwierig, an der öffentlichen Vernehmlassung des BFE teilzunehmen: Der elektronische Fragebogen enthält nicht weniger als 128 Fragen (www.bfe.admin.ch/vernehmlassungetappe2). Die Auswertung soll dem Bundesrat für seinen Entscheid über die Weiterführung der Standortsuche vorgelegt werden.

Pro Bözberg verfolgt die Entwicklung und die Planungen der NAGRA (www.nagra.ch, Genossenschaft der Verursacher von radioaktiven Abfällen) und des Bundesamtes für Energie BFE (www.bfe.admin.ch/radioaktiveabfaelle, verfahrensführende Bundesbehörde; www.jura-ost.ch, vom BFE für die Region Bözberg mit Leistungsauftrag mandatiert) aufmerksam und kritisch. Pro Bözberg berichtet regelmässig an den Mitgliederversammlungen über seine Haltung und die neuesten Entwicklungen. Die aktuelle Vernehmlassung von Pro Bözberg an das BFE enthält folgende Stichworte:
Ausschliesslich Sicherheitskriterien für Entscheide massgebend.
Offene Fragen bezüglich geologischem Untergrund unter dem Opalinuston.
Mögliche Beeinträchtigung der Thermalwassernutzung (Schinznach-Bad).
Schon die Planung hat Auswirkungen auf die Entwicklung der Landschaft.
Technische Entwicklungen und Vergleiche mit europäischen „Lösungen“ beachten.
Keine voreiligen Entscheide (geplanter Beginn Einlagerung nach 2060).

Damit die Region Bözberg in Bern zur Kenntnis genommen wird, ist es wichtig, dass möglichst viele Personen an der Vernehmlassung teilnehmen. Auf www.pro-boezberg.ch ist ein Muster-Fragebogen zur freien Verfügung vorbereitet:
Kopieren Sie den Musterfragebogen, fügen Sie Ihren Namen ein, und schicken Sie ihn vor dem 9. März 2018 elektronisch an sachplan@bfe.admin.ch.
Selbstverständlich können Sie den Text nach Ihrer Meinung frei abändern. Wichtig ist, dass Sie teilnehmen.

Der Vorstand von Pro Bözberg dankt Ihnen für das Engagement und die Unterstützung.

>>> Vernehmlassung_Muster Pro Bözberg zur freien Verwendung (.doc)